AUSLESE

Häufig endet das Sprechen und Schreiben über Bücher in Allgemeinplätzen. Das Besondere des Textes - seine Sprache - tritt dabei allzu oft in den Hintergrund. Mit den hier vorgestellten Passagen möchten wir die Texte selbst sprechen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, den ausgewählten Büchern so ganz unmittelbar ein erstes Mal zu begegnen.

 

Roman Ehrlich

Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens

»Der Schmerz, sagte Christoph, den wir im Angesicht der unfassbaren menschlichen Grausamkeit empfinden müssten, kann nicht ausgelebt werden. Alles, was uns bleibt, um den Katastrophen unserer Zeit zu begegnen, ist Unterdrückung und Verdrängung. Wir begegnen ihnen nicht mit unseren Gefühlen, sondern mit einer aus Selbstschutz selbst herbeigeführten, tranceartigen Unfähigkeit zu fühlen. Einer Taubheit und Stumpfheit, die in der Taubheit und Stumpfheit der anderen immer wieder ausreichende Rechtfertigung für ihr Fortbestehen findet. Ich muss nicht können, was die anderen auch nicht können, ich darf mich abwenden von der emotionalen Überforderung, ich kann mich schützen, ich gehe durch diesen sauren Regen der Grausamkeit und der schlechten Nachrichten in meiner all das ausnahmslos abweisenden Spezialkleidung hindurch.«

Roman Ehrlich,geboren 1983 in Aichach, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Bislang erschienen Das kalte Jahr (2013), Urwaldgäste (2014) sowie Das Theater des Krieges (2016, mit Michael Disqué).

Roman Ehrlich: Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens. Fischer 2017. 24€

Enrique Vilas-Matas

Kassel: eine Fiktion

»Je avantgardistischer ein Autor, desto weniger kann er es sich leisten, unter dieses Label zu fallen. Aber wen interessiert das? Eigentlich ist mein einleitender Satz nichts als ein McGuffin und hat kaum etwas mit dem zu tun, was ich hier zu erzählen gedenke, obwohl es sein kann, dass über kurz oder lang alles, was ich über meine Einladung nach Kassel und meine anschließende Reise  in diese Stadt berichten werde, letztlich genau auf diesen Satz hinauslaufen wird.

Wie manche wissen, erklärt man, was ein McGuffin ist, am besten mit einer Szene im Zug: "Könnten Sie mir sagen, was dieses Paket ist, das dort im Gepäckfach über Ihrem Kopf liegt?", fragt ein Passagier. Der andere erwidert: "Ach, das ist ein McGuffin." Daraufhin will der erste wissen, was ein McGuffin ist, und der andere erklärt ihm: "Ein McGuffin ist eine Apparat, um Löwen in Deutschland einzufangen." -"Aber in Deutschland gibt es doch auch gar keine Löwen", sagt der erste. "Na, dann ist das auch kein McGuffin", erwidert der zweite.«

Enrique Vila-Matas, geboren 1948 in Barcelona, arbeitete nach dem Studium als Filmjournalist und verbrachte einige Jahre in Paris. Er ist einer der bekanntesten spanischen Autoren. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays, die in über 32 Sprachen übersetzt wurden, u.a.: „Bartleby & Co“ (2001), „Risiken und Nebenwirkungen“ (2004), „Paris hat kein Ende“ (2005), „Doktor Pasavento“ (2007). In der Anderen Bibliothek erschien von ihm „Dublinesk“ (Band 341, 2013).

Enrique Vilas-Matas: Kassel: eine Fiktion. Die Andere Bibliothek 2017. 42€

übersetzt von Petra Strien

Klaus Böldl

Der Atem der Vögel

»Die vielen winzigen Ereignisse und unscheinbaren Stadteinzelheiten, die das Kind und mich umgeben auf unseren fast täglichen Gängen, bilden wie die Sätze in einem Buch eine Ordnung, solange ich Rannvás kleine warme Hand so leicht wie einen Vogelflügel in der meinen spüre.

Ja, es ist, als ob das Kind in mir mit seinem schweigsamen und niemals müde werdenden Schauen eine Geschichte erzählte, eine Geschichte, in der ich selber vorkomme, ein klein wenig. Und mir ist, als ob Rannvá mir die Hand führte beim Aufzeichnen dieses Gewebes winzigster Vorkommnisse, in das ich mich, für Momente wenigstens, hineingehörig fühlen kann, auf eine angenehm unbestimmte und folgenlose Weise.«

Klaus Böldl debütierte 1997 mit dem Roman ›Studie in Kristallbildung‹. Seither erschienen Erzählungen, Reisebücher und der Roman ›Der nächtliche Lehrer‹. Für sein literarisches Werk wurde Klaus Böldl vielfach ausgezeichnet. Er lehrt mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität Kiel.

Klaus Böldl: Der Atem der Vögel. S.Fischer 2017. 18€

E.O. Chirovici

Das Buch der Spiegel

»Bei dem, was Laura mir da erzählte, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Ich fand es grotesk, dass Dinge, die ich für unbezweifelbare Realität hielt, womöglich nur das Ergebnis meiner subjektiven Wahrnehmung von Gegenständen oder Situationen sein sollten. Nach ihrer Darstellung wären unsere Erinnerungen bloß eine Art Filmspule, die ein geschickter Bildbearbeiter nach Belieben zerschneiden und wieder zusammenkleben kann, oder eine Art Gelatine, die sich in jede beliebige Form bringen lässt.

Ich entgegnete, mit so einer Theorie könne ich mich nur schwer anfreunden, aber sie wandte ein: „Hattest du noch nie das Gefühl, dass du etwas schon einmal erlebt hast, schon mal an diesem Ort warst? Und dann erfährst du, dass du dort noch nie gewesen bist, sondern nur als Kind Geschichten darüber gehört hast? Dein Gedächtnis hat lediglich die Erinnerung daran gelöscht, dass dir die Geschichte erzählt wurde, und durch ein reales Erlebnis ersetzt.“«

E. O. Chirovici stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie aus Transsilvanien. Er hat in seinem Heimatland eine namhafte Zeitung und einen Fernsehsender geleitet und sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht. Seit 2013 arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller und lebt mit seiner Frau in Brüssel. "Das Buch der Spiegel" ist sein erster Roman in englischer Sprache, der im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse 2015 heiß gehandelt und schließlich in 38 Länder verkauft wurde.

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel. Goldmann 2017. 20€

übersetzt von Silvia Morawetz

Husch Josten

Hier sind Drachen

»Seit Jahren gab es im Sommer einen nachbarschaftlichen Grillabend bei den Limans, zu dem Laternen in die Rotbuchen gehängt wurden. Das legte nahe, dass die anderen Hausbewohner durchaus einen Bezug zu den Bäumen in ihrem Garten hatten, aber sicher keinen so innigen wie Caren, die mit ihnen sprach, mit ihnen die Jahreszeiten durchlebte und sich bereits beim Augustgrillen auf den Herbst freute, auf seine Farben und sein Feuer. Das Ende des Sommers rätselhaft, ein theatralischer Abschied auf Zeit. Der pensionierte Mr. Liman bemerkte dazu im Vorjahr, er frage sich neuerdings, wie viele Sommer ihm und den anderen im Haus wohl noch blieben. Er äußerte das ohne Pathos und besonderen Anlass, zumindest wusste niemand um einen akuten oder aktuellen. Er sagte es vor sich hin, als konstatiere er, dass die Grillkohle nicht richtig glühe oder der Wind ungünstig stehe. Ihm schien es unbedenklich, ab einem bestimmten Zeitpunkt Jahresringe zu zählen. Für einen Augenblick waren alle Gäste still beklommen, fragten sich, ob sie etwas verpasst hätten oder bemerkt haben müssten. Aber es fiel ihnen nichts ein, also befreiten sie sich mit Serviertätigkeiten und allerhand Wetterbeobachtungen aus dem Ernst. Die neue Freundin von Tim Russell, eine forsche Brünette von einigem Gewicht, steckte Rotbarschhappen nebst Zucchini auf einen Grillspieß und erzählte von ihrer Stelle als Kostümbildnerin am Royal Court, die junge Miss Leigh von gegenüber referierte kämpferisch über Rassismus unter amerikanischen Polizisten – Drecksbande, rief sie, unkultiviertes Pack, das seit dem Bürgerkrieg nichts gelernt hat –, Russell gab Eiswürfel in einen Bottich und las laut und betulich Weinetiketten vor (S-c-h-a-r-d-o-n-ä), derweil Jack Liman in der Holzkohle stocherte. Er war in Gedanken längst woanders, es war doch nur eine Idee gewesen, eine abstrakte Frage, schließlich brachte es nichts, rein gar nichts, Jahre zu zählen oder melancholisch zu werden.«

Husch Josten, geboren 1969, war zog Mitte der 2000er Jahre nach London, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 erschien ihr Romandebüt »In Sachen Joseph«, das für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten zweiten Roman »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien der Roman »Der tadellose Herr Taft« und im Frühjahr 2017 »Hier sind Drachen« im Berlin Verlag. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.

Husch Josten: Hier sind Drachen. Piper 2017. 16€

Zoran Drvenkar/Jutta Bauer

Weißt du noch

»Weißt du noch, wie die Wolken die Köpfe zusammensteckten und es plötzlich dunkel wurde und anfing zu regnen? Da haben wir Schutz gesucht und sahen einen Baum, der die Arme weit ausgebreitet hatte, als wäre er ein Torwart, der auf den Ball wartet. Unter diesen Baum haben wir uns gestellt und lauschten dem Pladdern des Regens. Und manchmal rutschte ein Tropfen zwischen den Blättern hindurch, und wir haben ihn mit der Zunge aufgefangen. Und einer schmeckte nach Pfefferminze und einer nach kaltem Stein. Einer war süß wie Limo und einer salzig wie Tränen.«

Zoran Drvenkar, 1967 geboren,arbeitet seit über zwanzig Jahren als freier Schriftsteller und schreibt Romane, Gedichte und Theaterstücke über Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im Hanser Kinderbuch erscheint 2017 sein Bilderbuch "Weißt du noch", illustriert von Jutta Bauer. Drvenkar wurde für seine Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt heute in der Nähe von Berlin in einer ehemaligen Kornmühle.

Zoran Drvenkar/Jutta Bauer: Weißt du noch. Hanser 2017. 14€

Klaus Böldl

Der nächtliche Lehrer

»In Sandvika war es so, dass sich die drei Bahnschranken im Stadtgebiet manchmal ganz umsonst herabsenkten, weil gar niemand unterwegs war, der den Bahndamm hätte überqueren wollen, wie auch sonst in dieser entlegenen Stadt die Dinge ihren Lauf ganz von selbst zu nehmen schienen, gleichgültig ob jemand daran Anteil nahm oder nicht.

Jedenfalls, von Sandvika wegzugehen kam für Lennart schon nach kürzester Zeit nicht mehr in Betracht. In Sandvika waren die Einzelheiten, aus denen sich sein Leben jetzt zusammensetzte, versammelt. Hier herrschte eine auch das Unsichtbarste einbegreifende Genauigkeit. Hier war ein See, weit genug, um ein Leben lang auf ihn hinauszuschauen. Die Hauptstadt, in der er fast sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, wurde ihm schon nach wenigen Wochen ein verschwommener und irgendwie zweifelhafter Ort, der für ihn kaum mehr Bedeutung hatte als für die anderen Bewohner von Sandvika.«

Klaus Böldl, geboren 1964 in Passau, debütierte 1997 mit dem Roman ›Studie in Kristallbildung‹ und hatte seitdem verschiedene Veröffentlichungen. Für sein literarisches Werk wurde Klaus Böldl mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Er lehrt mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität Kiel.

Klaus Böldl: Der nächtliche Lehrer. S.Fischer 2010. 16,95€

Marica Bodrožić

Das Auge hinter dem Auge

»Wir alle hatten eine Kindheit ohne Uhren, eine Welt, die nicht vorsortiert und akribisch bis in alle Einzelheiten verplant war. So konnte sich ein eigener Blick entwickeln. Niemand hat als Kind Beweise für das, was er sieht. Unser Blick ist von Natur aus von einem Erfindergeist durchdrungen, der jenseits der erklärbaren Zuordnungen lebt.Diese geistigen Feuergarbenund die aufblitzende Freude am Erkennen spüren wir später in der Literatur wieder auf, empfinden das, was wir einst in unserem Inneren aufblitzen sahen, im zeitlosen Raum - für eine Zukunft, die schon um sich wusste. Nur dichteste sprachliche Konzentration vermag uns zielgenau zu jenem inneren Ort zu geleiten, der zwar schon immer in uns vorhanden ist, aber erst durch das Bewusstsein der Worte geweckt wird. Wir erfahren nur das, was wir in uns tragen. Auch das Fremdeste ist längst schon in uns, wenn es uns in der Sprache des scheinbar Anderen begegnet. Der Andere sind wir, sonst könnte er uns gar nicht berühren. Das feuer dieser inneren Landschaft spricht und wird Erinnerung. Die Literatur verbindet uns mit dieser alten Kraft.«

Marica Bodrožić kam 1973 in Dalmatien zur Welt. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Förderpreis für Literatur der Akademie der Künste in Berlin, den Kulturpreis Deutsche Sprache, den Literaturpreis der Europäischen Union und zuletzt für den Band "Mein weißer Frieden" den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2015. Marica Bodrožić lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.

Marica Bodrožić: Das Auge hinter dem Auge. Otto Müller Verlag 2015. 15€

Reinhard Kaiser-Mühlecker

Der lange Gang über die Stationen

»Wir waren beizeiten aufgestanden. Und heute, am Ruhetag, am Tag des Herrn, wollte ich meiner Frau den Hof und seine Gebäude, den Schuppen, darin das geschwungene Joch, unter dem der Ochse schon bald wieder zu gehen hätte, den Pflug, hinter dem ich wie immer herzugehen hätte, ab und zu draufsteigend, um die stählerne Schar zurück in die Erde zu treiben, das in braunes, rissiges Leder gekleidete, an einem in das Holz eines Pfeilers geschlagenen Nagel aufgehängte Kummet für das Ross, die Stallungen mit den Tieren, den angrenzenden Wald, die feuchte Wiese und die abschüssige Weide, kurz: den ganzen Besitz, der uns nun - der Tradition entsprechend - gemeinsam gehörte und eines Tages unseren Kindern gehören würde, noch einmal oder ein erstes Mal richtig zeigen. Erzählen wollte ich ihr, welche Geschichte hinter jedem Einzelding verborgen war, hinter den Obstbäumen, die anlässlich meiner Geburt im Hausgarten in einem Halbkreis gepflanzt worden waren, hinter dem Geräteschuppen mit dem Reisighaufen im hinteren Teil und hinter dem Küchentisch aus Nussholz, den, wie so vieles andere, der Großvater gebaut hatte. Auch hinter den kleineren Dingen stand jeweils eine Geschichte - musste eine Geschichte stehen, um sie lebendig zu erhalten, lebendig erst zu machen.«

Reinhard Kaiser-Mühlecker, 1982 in Kirchdorf an der Krems geboren studierte Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien.
Sein Debütroman ›Der lange Gang über die Stationen‹ erschien 2008, es folgten mehrere Romane. Für sein Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Roman ›Fremde Seele, dunkler Wald‹ (2016), der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Der lange Gang über die Stationen. Fischer 2009. 8,95€

Andreas Maier

Der Kreis

»Die Welt da draußen, die ich hätte sehen können, wäre ich von dem Lese-Bett aufgestanden und hätte die Gardinen beiseite geschoben, hätte aus unserem Hintergarten, dem abschließenden Zaun, der parallel zum Zaun fließenden Usa, den am anderen Ende des Flusses gelegenen Schrebergärten, dem Zuckerrübenfeld, der Horizontlinie und dem Himmel darüber bestanden, also meinen urvertrautesten Bildern. Obgleich ich sie nicht sah, vielmehr nur ihre Schemen durch die Gardine, wußte ich sie doch dort, und die Anwesenheit dieser vertrauten Umgebung beruhigte mich ebenso wie die Tatsache, dass ich nicht dort draußen, sondern hier im Haus war und gerade einen Band des Lingen Lexikons in der Hand hielt (ein paar lagen regelmäßig neben mir auf dem Bett). Und während ich meinen kleinen Ausschnitt der Wetterau dort hinter den Gardinen und dem Fenster wußte, las ich im Lingen Lexikon über die BUrenkriege, über die französische Revolution oder über die mir stets besonders grausam erschienene Geschichte der Zarenfamilienermordung und den ganzen Machtwechsel in diesem seltsamen Staatengebilde Sowjetunion. Ich las auch über die Raumfahrt, denn durch meinen fünf Jahre älteren Bruder war dieses Themain meiner ersten Zeit ständig mitgegeben, aber beim Thema Raumfahrt zeigte sich, daß das Lexikon nicht darauf angelegt war, erst kurz vergangene Dinge neu in sich aufzunehmen. Die letzten Mondexpeditionen kamen im Lexikon nicht vor. Alles, was neu war, war anscheinend nicht geeignet, in einem Lexikon zu stehen. Neuem fehlte dadurch eine gewisse Ehrwürdigkeit. Und eigentlich, glaubte ich damals, waren die Dinge erst da und zu sich selbst gekommen und hatten ihr Dasein offenbart, wenn sie im Lexikon erwähnt wurden. Dann waren sie erst wirklich und konnten ab da auch nicht mehr gehen. Sie hatten ihre Ordnung bekommen und waren nun an ihrem Platz, nämlich im Lingen Lexikon. Was nicht im Lingen Lexikon vorhanden war, war noch nicht wirklich Bestandteil der Welt.«

Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, lebt in Hamburg. Zuletzt erschienen folgende Romane: Der Ort (2015), Die Straße (2013), Das Haus (2011) und Das Zimmer (2010) .

Andreas Maier: Der Kreis. Suhrkamp 2016. 20€

J. L. Carr

Ein Monat auf dem Land

»Und dann, so wahr mir Gott helfe, überkam mich in diesen ersten Minuten meines ersten Morgens in Oxgodby das Gefühl, dass dieser nördliche Landstrich mir gar nicht feindlich, sondern wohlgesinnt sei, dass mein Leben eine entscheidende Wende genommen habe und dass mir dieser Sommer des Jahres 1920, der tatsächlich so stralend bleiben sollte, bis die ersten Blätter fielen, eine glückliche, gesegnete Zeit bringen würde.

Ich sagte mir, es sei mir gleich, wie lange mich diese Arbeit in Anspruch nehmen würde - den restlichen Juli, August, September, ja, von mir aus auch den ganzen Oktober hindurch. ich würde glücklich sein, bescheiden leben und meine Ausgaben auf das Nötigste beschränken - Paraffin, Brot, gemüse und hin und wieder ein bisschen Corned Beed. Normalerweise wäre ich mit zwei Krügen Milch pro Woche ausgekommen, aber bei diesem Wetter würde sie sich nicht lange halten und ich würde drei davon benötigen; Haferbrei ist sehr nahrhaft und muss nur aufgewärmt werden, und schon hat man eine zweite Mahlzeit. Also rechnete ich mir aus, ich würde in Anbetracht der tatsache, dass ich keine Miete zahlen musste, bequem mit fünfzehn Shilling auskommen, vielleicht sogar mit nur zehn oder zwölf. In der Tat würden sich die fünfundzwanzig Pfund, auf die ich mich mit meinen Auftraggebern geeinigt hatte, vielleicht so lange strecken lassen, bis mich das kalte Wetter in mein Winterquartier nach London zurückscheuchen würde.

Das Wunderbare war indes, dass ich in dieser Oase des Friedens gelandet war und mir einen Sommer lang über nichts anderes den Kopf zerbrechen müsste, als dieses Wandgemälde freizulegen. Und wer weiß, vielleicht könnte ich anschließend einen Neuanfang machen und vergessen, was der Krieg und die Streitereien mit Vinny bei mir angerichtet hatten, und eine neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Das war es, was cih brauchte, dachte ich - einen Neuanfang, und hinterher würde ich vielleicht kein allzu Versehrter mehr sein.«

J. L. Carr wurde 1912 in der Grafschaft Yorkshire geboren und starb 1994 an Leukämie. Nachdem er jahrelang als Lehrer gearbeitet hatte, gründete er 1966 einen eigenen Verlag und verfasste acht Romane. ›Ein Monat auf dem Land‹ ist Carrs bekanntestes Werk und war 1980 für den Booker-Preis nominiert. Bei DuMont erscheint es nun erstmals auf Deutsch.

J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land. DuMont 2016. 18€

Saša Stanišić

Fallensteller

»Erst hat Lada erzählt. Dass er vor dem Woldegker Tor Tor aufs Pedal gestiegen ist, damit die Ortsgrenze wie eh und je im Flug überquert werden kann, wie ein Adler in einem Golf. Bloß ist ihm diesmal ein Asozialer auf die Straße gelaufen. "Richtig Bombenleger. Ratte auf der Schulter, Käfig oder was unterm Arm, das ganze Asi-Programm. Ist es ein Reh, bretterst du drüber. War aber kein Reh, sondern Asozialer. Kannst nicht einfach drüberbrettern. Nicht mal, wenn du Rehe besser findest als Asoziale. Und sowieso: Es läuft gerade Manowar, und der See kennt mich, der See tut mir nichts. Weich ich also dem Asi aus, und Vater See nimmt seinen Sohn zärtlich in den Arm."

So einer war Lada. So hat der erzählt. "Zärtlich in den Arm." Beziehungsweise, man muss sagen: So einer war Lada geworden. Nachdem der Schriftsteller hier gewesen ist, der mit dem Buch über uns. Lada hat ihm ja damals alles gezeigt, so und so läuft es hier und so läuft es dort. Alleine hat der Typ sich höchstens mal zum Bäcker getraut, um nicht zu verhungern. Ein Jugo war das. Aber ein verweichlichter Jugo, ganz ungewöhnlich. Jugo-Schriftsteller halt.

Später sind dann "Literatur-Touristen" hergeradelt "auf den Spuren des Buchs". Kamen bei Ulli vorbei, wollten Fotos machen. Musst du dir mal vorstellen! Pichelst schön in aller Ruhe deine Molle, plötzlich latscht ein Lesezirkel aus Lübeck in die Garage.

Ulli hat ihnen Bier verkauft und sie rausgeschmissen, weil, was soll das?«

Saša Stanišić, geboren 1978 in Višegrad/Bosnien-Herzegowina, lebt in Hamburg. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert wurde in 31 Sprachen übersetzt; sein zweiter Roman Vor dem Fest wurde u. a. mit dem Alfred-Döblin-Preis und dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Saša Stanišić: Fallensteller. Luchterhand 2016. 19,99€

Nis-Momme Stockmann

Der Fuchs

»Weil die Sprache, die ich kannte bzw. wie ich sie gelernt hatte, einfach nicht reichte. Oder vielleicht auch weil die Sprache verbraucht war in dieser Hinsicht. Leute sagen, es ist Unsinn, wenn man ihnen davon erzählt, dass die Sprache verbraucht ist, aber es ist kein Unsinn. Der beste Beweis für die Verbrauchtheit der Sprache ist es, wenn man über Rache spricht. Oder über Romantik. Oder Hass. Oder Liebe. Oder Elend. Diese Worte sind so endlos verbraucht und verstellt, dass sie eine Chiffre für sich selbst werden. Die Gefühle, die ihnen zugrunde liegen und die uns schließlich irgendwo ausmachen und letztendlich auch das sind, worauf unsere Kultur sozusagen so aufbaut: die dunklen, die bunten, die kräftigen, die grellen Bausteine, aus denen wir zusammengesetzt sind - die erreichen wir nicht mehr, oder sie erreichen uns nicht mehr, zu denen gibt es keinen Zugang mehr. Die Verbindung zwischen Sprache und Gefühl ist verschüttet, durch eine abgeschmackte unromantische und emotional begradigte Welt, der allzu heftige Gefühle im Weg sind. Die Wörter dürfen ihre volle Kraft nicht mehr entfalten. Weil die volle Kraft doch der Produktivität oder einer ähnlich platten Sache gehört. Und weil die voll Kraft der Wörter uns daran hindert, in unseren Komfortzellen mit den abgeschnittenen Spitzen und Tälern zu dämmern und abschöpfbar zu sein. Und damit sit nicht nur der Weg zu den Wörtern versperrt, sondern auch der Weg zu einer Welt, die sich lohnt. Nur mit Tricks, nur mit Finten kann man noch an die Wurzel der Wörter kommen, zu dem gefühl, das ihnen zugrunde liegt.«

Nis-Momme Stockmann, 1981 auf Föhr geboren, schreibt seit 2009 für das Theater. Seit 2011 erhielt er mehrere Preise, sein Debütroman Der Fuchs war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt 2016. 24,95€

Selva Almada

Sengender Wind

»Sie lief, bis sie an einen halb verfallenen Drahtzaun gelangte, der das Ende des Geländes markierte. Jenseits der Abzäunung erstreckte sich ein Baumwollfeld. Es war noch keine Erntezeit, aber die Pflanzen mit den harten, dunklen Blättern trugen bereits ihre Kapseln. Aus denen, die schon reif waren und aufzuplatzen begannen, quollen weiße Fasern. In ein paar Wochen würde man die Ernte einbringen und in die Baumwollfabriken transportieren. Dort würden die Fasern von den Samenkörnern getrennt und für den Handel zu Ballen verpackt.

Leni strich sich über die verschwitzte Bluse. Sie erinnerte sich, dass ihr Vater ihr einmal erzählt hatte, ihre Großmutter sei Stickerin gewesen. Sie besaß die Hände einer Fee, sagte er damals. Mit leiser Wehmut dachte sie, dass die Tücher, die ihre Großmutter bestickte, und die Bluse, die sie gerade trug, einmal der Einsamkeit eines solchen Feldes entsprungen sein dürften.«

Selva Almada, geboren 1973 in Entre Ríos, Argentinien, lebt in ­Buenos Aires. Sie hat vor allem Erzählungen und Gedichte verfasst. »Sengender Wind«, ihr erster Roman, wurde in ihrer Heimat von der Kritik gefeiert und als eines der besten Bücher des Jahres 2012 ausgezeichnet.

Selva Almada: Sengender Wind. Berenberg 2016. 20,00€

Norbert Gstrein

In der freien Welt

»Ich war ein nicht schreibender Schriftsteller, aber bevor ich mir das eingestand, musste ich mehrmals nach Paris fliegen, weil ich mir allen Ernstes einbildete, dort ließe sich jenseits aller Klischees noch eine Liebesgeschichte finden, musste ich mitten im Winter auf die Lofoten, um zu erkennen, was ich auch so hätte wissen können, dass ein einsamer Mann und die Dunkelheit zusammen noch keine Erzählung abgaben, musste ich wegen einer Grille nach Havanna, wegen einer anderen nach Buenos Aires und wegen einer dritten nach Mexico City und von dort weiter nach Guadalajara und Acapulco. Erst wenn ich am Ende eines Jahres meine Reiseabrechnungen zusammenstellte, erkannte ich den Irrsinn und fragte mich, was ich dort überall gewollt hatte. Das Finanzamt glaubte mir mehr, als ich mir selbst glaubte, wenn es mir Jahr für Jahr mein zielloses Herumirren als Abschreibeposten für Recherchen durchgehen ließ. Ich wechselte nach meinen Launen die Orte, und mir wurde erst allmählich die versteckte Hoffnung dahinter klar, dass ich mit den Orten auch die Zeit wechseln könnte. Denn genaugenommen ging es mir nur darum, noch einmal einen Anfang zu finden oder, richtiger, den Anfang, von dem ausgehend sich dann auch ein Ende zeigen würde.«

Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, lebt in Hamburg. Bei Hanser erschienen die Romane Die Winter im Süden (2008), Die englischen Jahre (Neuausgabe 2008) u.a.

Norbert Gstrein: In der freien Welt. Hanser 2016. 24,90€

Shida Bazyar

Nachts ist es leise in Teheran

»Und dann geht alles ganz schnell. Wo wir eben noch dachten, wir müssten vor allen Dingen sitzen und reden und lesen und sprechen und planen und planen und planen, ändert sich die Strategie unserer Führer, und wir greifen wieder nach den Waffen, planen die Offensive gegen die Geistlichen, wollen die Straßen zurück, wollen unsere Rechte zurück, sind wir doch wieder mitten im Kampf. Plötzlich fragst du dich, was hast du dir eigentlich dabei gedacht, immer nur zu sitzen und zu reden, hast du gedacht, eine Revolution setzt sich von selbst fort, nur mit dem Wissen in den Köpfen und den gedruckten Worten im Kofferraum? Hast du gedacht, politische Aktionen sind schon allein deshalb politisch, weil sie geheim sind? Die anderen haben nicht nur die Stimmen in den Autoradios, und sie haben nicht nur die Städte, sie haben nicht nur die Massen auf den Demonstrationen und die Worte in den Medien. Worauf hast du gewartet und warum dachtest du, die Flugblätter wären wichtig, wenn sie auf der anderen Seite all das haben, was mal der Armee des Schahs gehörte? Wo das doch die stärksten Mittel sind, mit denen sie ihre Macht aufrechterhalten, sich als neuen Geheimdienst, als Wächter der Revolution betiteln, nur, um unsere Gruppen offiziell verbieten zu lassen?

Plötzlich weißt du nicht mehr, wann aus dem gemeinsamen Kampf während der Revolution ein Kampf gegeneinander um die neue Herrschaft geworden ist. Aber was dir sofort einfällt, ist: dass es ursprünglich mal ums Kämpfen ging, und also kann sich die Frage gar nicht stellen, ob kämpfen oder zurückkehren, und du steigst in das Auto, fährst den Weg in eine Ortschaft, die du nicht kennst, von der du noch nie gehört hast, von der du nur weißt: Sie wurde von den reichen Landbesitzern verlassen, als der Schah das Land verließ, und wir werden sie wiederbeleben mit dem wahren Geist der Revolution, um jene zu stoppen, die sich zu Unrecht Revolutionäre nennen.«

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim, bevor sie nach Berlin zog, um ein Doppelleben zu führen. Halbtags ist sie Bildungsreferentin für junge Menschen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Brandenburg machen, die verbleibende Zeit verbringt sie als Autorin. Neben Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses 2012 und Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung.

Shida Bayzar: Nachts ist es leise in Teheran. Kiepenheuer&Witsch 2015. 19,99€

Friedrich Kröhnke

Diebsgeschichte

»Es ist aber doch etwas anderes. Der Flaneur - ja, seit meiner vorzeitigen Verrentung bin ich einer, seit P. bei mir ausgezogen ist, bin ich einer - ist besonders daran zu erkennen, dass er nicht zu erkennen ist. Wenn er sich ohne Ziel in der Menschenmenge bewegt, so weiß niemand um ihn herum, dass er sich im Unterschied zu ihnen allen ohne Ziel bewegt. Gehe ich vormittags um elf mit meiner Seitenumhängetasche aus dem Haus, entzieht es sich jedermanns Kenntnis, wohin und in welchen Geschäften ich unterwegs bin. Sitze ich in einer Aussegnung in der Friedhofskapelle in der vorletzten Reihe, so weiß niemand von den Trauernden, dass ich den Toten nicht kannte.«

Friedrich Kröhnke, geboren 1956, stammt aus Darmstadt. Nach Jahren in Köln, Prag, Hamburg seit langem freier Schriftsteller in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt u.a. Samoa oder Ein Mann von fünfzig Jahren oder auch Nach Asmara!

Friedrich Kröhnke: Diebsgeschichte. müry salzmann 2015. 19€

Leta Semadeni

Tamangur

»Das Dorf ist ein Ort voller Schatten tief unten zwischen den Bergen, und noch tiefer eingegraben faucht der Fluss, dick und glänzend, in Richtung Grenze.

Eine Kirche gibt es auf einem Hügel nahe der Waldgrenze, ein Schulhaus, ein paar Läden, Restaurants und den Dorfplatz. Dort steht eine lange Bank.

Ist die Bank leer, so setzt sich das Kind dorthin und überlegt, welche Geschichten die Bank gehört hat. Die Sitzfläche ist vielleicht noch warm, und das heißt, dass jemand kurz davor dort saß und Zeit hatte, der Bank Lügen zu erzählen. Darum heißt die Bank Lügenbank.«

Leta Semadeni, geboren 1944 in Scuol, Engadin, studierte Sprachen an der Universität Zürich. Seit 2005 lebt und arbeitet sie freischaffend in Lavin. Sie schreibt vorwiegend Lyrik, romanisch oder deutsch, die sie selbst in die jeweils andere Sprache überträgt, zuletzt In meinem Leben als Fuchs (2010). Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, 2011 mit dem Literaturpreis des Kantons Graubünden und mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. Tamangur ist ihr erster Roman.

Leta Semadeni: Tamangur. Rotpunktverlag 2015. 19,90€

Jens Wonneberger

Himmelreich

»Obwohl in letzter Zeit von Gicht geplagt, stand Max Weinrich täglich seinen Mann. Er war Brunnenbauer, aber alle im Dorf sagten Plumpen-Max zu ihm. Er war ein äußerst vielseitiger mann, er verstand es, mit der Wünschelrute umzugehen, züchtete Brieftauben, war ein ebenso angesehener wie gefürchteter Skatbruder, hob, und was lag näher für einen Mann mit seiner Berufserfahrung, die Gräber auf dem Friedhof aus und hatte eines Tages sogar begonnen, bei weltlichen Begräbnissen die Trauerreden zu halten, kurz, er war der letzte Universalgelehrte des Dorfes.

Er fuhr einen alten Trabant-Kombi, in dem sich neben der Wünschelrute und diversen Grab- und Maurerwerkzeugen zwei verbeulte Taubenkäfige und, für besondere Fälle, ein Hebammenkoffer mit einem schwarzen Anzug befanden. Außerdem waren auf der Ladefläche, an die Innenseiten der Radkästen merkwürdige Halterungen aus Blech angeschraubt. Wenn Plumpen-Max auf die Baustelle kam, befanden sich in der rechten Halterung drei volle Bierflaschen, wenn er abfuhr, in der linken drei leere. Bevor er einen Brunnen baute oder ein Grab schaufelte, ging er mit der Wünschelrute übers Gelände. Wenn sie anschlug, war es für einen Brunnen ein guter Ort, für ein Grab war es ein schlechter. Hier graben wir, sagte er dann oder er sagte, hier graben wir nicht. Der arme Kerl holt sich ja sonst noch die Gicht, fügte er im letzteren Fal hinzu. Max Weinrichs Wort hatte Gewicht, geirrt hatte er sich noch nie, im Falle der Brunnen zumindest war das nachweisbar. Es war also nicht verwunderlich, wenn ein Mann wie Plumpen-Max im Leben des Dorfes eine gehobene Stellung einnahm und über gewisse Privilegien verfügte. In der Autowerkstatt zum Beispiel wurde er sofort bedient und auf dem Friedhof war der schönste Platz für ihn reserviert. Er hatte ihn sich selbstverständlich selbst ausgesucht, einen sonnigen und trocknen Platz.

Als Max Weinrich gestorben war, hoben zwei Gemeindemitarbeiter die Grube aus. Am nächsten Tag, das Begräbnis fand unter großer Anteilnahme der Dorfgemeinschaft statt, war die ganze Grube überschwemmt. War halt ein Witzbold, der Plumpen-Max, sagten die Leute und ließen den Sarg zu Wasser.«

Jens Wonneberger, geboren 1960, lebt in Dresden. Er studierte zunächst Bauingenieurwesen und arbeitet anschließend als Reinigungskraft und Verkäufer. Seit 1992 ist er freiberuflicher Autor und Redakteur.

Jens Wonneberger: Himmelreich. müry salzmann 2015. 19€

Juan S. Guse

Lärm und Wälder

»Sie fährt von der Haupstraße ab und auf ihre Nachbarschaft zu, die hinter dem neoklassischen Eingangstor beginnt. Im Glashäuschen des Eingangstores sitzen die Wachmänner in ihren schwarzen Hosen, mit ihren Lackschuhen, ihren weißen Hemden, den goldenen Ansteckern in Form einer im Wind flatternden Flagge, den Sonnenbrillen und den Kappen, auf denen in Serifenschrift NORDELTA steht. Vor ihnen die Monitore.

Pelusa hält ihren Bewohnerausweis über die mattgraue Magnetfläche und grüßt das Personal. Ihre Angst davor, das grüne licht nicht aufleuchten zu sehen, wird sie vermutlich nie ablegen können. Jedes Mal tagträumt sie davon, einen Alarm auszulösen, und sieht sich schon von bewaffneten Wachmännern umstellt, die sie an den Haaren aus dem Wagen zerren und ihr mit Knüppeln ins Gesicht schlagen. Doch nichts ertönt; lautlos hebt sich die Schranke. Mit dem Zucken ihres Handgelenks richtet sie eine abschließende Geste des Grußes an die jungen Wachmänner und drückt leicht auf das Gaspedal, so dass der Wagen sanft anrollt und man nur am hypnotischen schwingen des kleinen Holzkreuzes, das vom Rückspiegel herabhängt, erkennen kann, dass sich der Wagen in Bewegung gesetzt hat. Denn gleich nach dem passieren des Eingangstors liest man auf einem gelben Schild, dass es innerhalb der Nachbarschaften verboten ist, schneller als zehn Kilometer pro Stunde zu fahren, und das weiß hier jeder.«

Juan S. Guse, geboren 1989, studiert derzeit Literaturwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Er erhielt u.a. das Aufenthaltsstipendium der Walter Kempowski Stiftung und das Arbeits­stipendium des Landes Niedersachsen.

Juan S. Guse: Lärm und Wälder. S. Fischer Verlag 2015. 19,99€

Radek Knapp

Der Gipfeldieb

»Dann drehte ich mich um und betrachtete die lange Reihe von Holzbänken, die die Stadtverwaltung für erschöpfte Toursiten aufgestellt hatte, und kam mir vor, als hätte ich über das Schicksal gesiegt. Denn genau das war das Problem: Niemand maß heute den Hindernissen die gleiche Bedeutung zu, wie Odysseus es noch getan hatte. Für uns waren es nur alltägliche Probleme, die gelöst werden mussten. So bekam am Ende niemand seinen Lohn von den Göttern, sondern nur eine Gehaltserhöhung.

Vielleicht war es das. Vielleicht lag das Problem aber auch darin, dass es keine Götter mehr gab, die uns das Leben schwer machten. Das erledigten wir alles selber. Kein Wunder, dass alle so mürbe waren. Wenn man alles selber macht, dreht man früher oder später durch.«

Radek Knapp, 1964 in Warschau geboren, lebt als freier Schriftsteller in Wien und in der Nähe von Warschau. Sein hintergründiger Roman »Herrn Kukas Empfehlungen« gehört zu den erfolgreichsten Longsellern der Verlagsgeschichte. Außerdem erschienen von ihm bei Piper »Gebrauchsanweisung für Polen« und der mit dem aspekte-Preis ausgezeichnete Band »Franio«.

Radek Knapp: Der Gipfeldieb. Piper Verlag 2015. 20,00€

Jenny Erpenbeck

Gehen, ging, gegangen

»Wo sind Sie aufgewachsen? Welches ist Ihre Muttersprache? Welcher Religion gehören Sie an? Wie viele Menschen gehörten zu Ihrer Familie? Wie sah die Wohnung, das Haus aus, in dem Sie aufwuchsen? Wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt? Gab es einen Fernseher? Wo schliefen Sie? Was gab es zu essen? Was war in Ihrer Kindheit Ihr Lieblingsversteck? Haben Sie eine Schule besucht? Was für Kleidung trugen Sie? Gab es Haustiere? Haben Sie einen Beruf gelernt? Haben Sie selbst Familie? Wann sind Sie aus Ihrer Heimat weggegangen? Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Familie? Mit welchem Ziel sind Sie aufgebrochen? Wie haben Sie Abschied genommen? Was haben Sie mitgenommen, als Sie weggingen? Wie haben Sie sich Europa vorgestellt? Was ist anders? Wie verbringen Sie Ihre Tage? Was vermissen Sie am meisten? Was wünschen Sie sich? Wenn Sie Kinder hätten, die hier aufwachsen, was würden Sie ihnen von der heimat erzählen? Können Sie sich vorstellen, dass Sie hier alt werden? Wo soll man Sie begraben?«

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin geboren. 1999 debütierte sie mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«. Ihr zuletzt erschienener Roman »Aller Tage Abend« wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2013 mit dem Joseph-Breitbach-Preis und 2015 mit dem Independent Foreign Fiction Prize.

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Knaus Verlag 2015. 19.99€

Katharina Hacker

Skip

»Es ist nicht so, dass ich den Glauben an irgendetwas gewonnen oder verloren hätte, an das Leben, an die Seele, an den Tod, irgendetwas dergleichen, es gibt keine Gedankengebäude, in denen ich mich geborgen fühle, auch keine Weisheit, die ich errungen hätte. Ich blieb, wer ich war. Und doch hatte sich etwas verändert, etwas, das in jeder Minute stattfindet, die ich über den Erdboden laufe, so, als wüssten meine Füße mehr als ich, als spürten sie die Haftung an der Erde. Und ich denke über den Tod nach, ich denke über den Tod nach, um über das Leben nachzudenken, weil es mir noch schwieriger scheint, über das Leben nachzudenken, über das wir doch angeblich viel leichter etwas in Erfahrung bringen können, aber ich grübele darüber, was es für ein Zusammenhang ist zwischen mir als Jungen in Paris und mir als Shiras Mann, zwischen dem, der das neugeborene Kind in den Armen hielt, und dem, der nach Hause kommt, müde, ein bisschen gereizt.«

Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, studierte ab 1986 Philosophie, Geschichte und Judaistik an der Universität Freiburg. Seit 1996 lebt sie als freie Autorin in Berlin. Für ›Die Habenichtse‹ erhielt sie 2006 den Deutschen Buchpreis.

Katharina Hacker: Skip. S. Fischer Verlag 2015. 21.99€

Stefan Ferdinand Etgeton

Rucksackkometen

»er war dann nämlich so sehr auf der suche nach einer neuen, ich schätze wirklich ära, weil er einfach nicht mit arbeiten beginnen wollte, um dann zu enden als mensch mit einer frau und 2 autos und 3 fernsehern und 4 kindern und 50 tupperdosen, dass mir schon dämmerte, warum ich kürzlich all die energie aufgespart hatte und dass ich die bald ganz gut gebrauchen könnte. und dann saßen wir da noch eine weile und spannten assoziationszelte unter unserer schädeldecke auf und glaubten, dass es groß sein muss, dass es weit sein muss, dass es symbiosen aus vergangenheit und zukunft sein muss, dass es liebe sein muss, und dass es zugleich noch lecker sein muss, und dass es auch ruhig eine emotionsexplosion provozieren darf, und dann war es bestimmt wie an dem tag, als sie das farbfernsehen anschalteten, und alles leuchtete plötzlich bunt statt grau, und es brodelte nur so aus meinem mund heraus, und meinte zu jann spille, dass wir nach griechenland trampen müssen: durch osteuropa durchund über den ganzen verkackten balkan, durch das lilane europa, das widerspenstige, den ganzen weg herunter müssen wir und kühe melken, stinken, lachen, tanzen, leute umarmen und schwimmen und alles und entlang der bergzüge, entlang der steinstrände, entlang der käsepaläste, durch die märkte hindurch - und über die bäche, und den kindern und den alten und allen anderen lauschen und immer den geruch von benzin und sonne an den händen, das wäre doch schön, meinte ich, und spille stieg darauf ein und hatte das schon so richtig vor augen und sagte: JA GENAU, sagte jann spille dann ... «

Stefan Ferdinand Etgeton, 1988 geboren im westfälischen Bergbaustädtchen Mettingen, studierte Volkswirtschaftslehre in Köln, Warschau, Utrecht und Berlin. beim MDR-Literaturwettbewerb 2014 gewann er den Jury- und den Publikumspreis, 2013 den Evangelischen Literaturpreis. "Rucksackkometen ist sein erster Roman.

Stefan Ferdinand Etgeton: Rucksackkometen. C.H. Beck 2015. 19.95€

Jocelyne Saucier

Ein Leben mehr

»In der Wildnis lebt man nicht ohne Hund. Ted, Charlie, Tom und ich, wir alle hatten einen Hund, einen treuen Gefährten, der uns überallhin folgte, uns zuhörte und uns verstand. Wenn du das Gefühl hast, ganz allein auf der Welt zu sein, ist es ungemein tröstend, wenn dir dein Hund seine Nase zwischen die Beine schiebt. Ich schlief oft mit Darling in einem Bett. In meinem Büro wurde es nachts verdammt kalt, aber ich übernachtete nie woanders. Ich hätte ein Zimmer im ersten Stock beziehen können, aber ich war es nicht anders gewohnt. Zu Zeiten des Libanesen hatte ich im Büro geschlafen, und so hielt ich es auch, nachdem er sich aus dem Staub gemacht hatte.

Mich beunruhigte allerdings, dass Darling nicht gebellt hatte, als die Fotografin aufgetaucht war. Sie hatte keinen Mucks von sich gegeben, nicht einmal leise geknurrt. Stattdessen war sie auf die Frau zugelaufen und hatte sich an ihr Bein geschmiegt. Den ganzen Abend lang war sie ihr nicht von der Seite gewichen. Die Frau wusste, wie man mit Hunden umgeht.«

Jocelyne Saucier, geb. 1948 in der Provinz New Brunswick, lebt heute in einem Zehn-Seelen-Ort im Wald, im nördlichen Québec. Sie arbeitet lange als Journalistin, bevor sie mit dem literarischen Schreiben begann. "Ein Leben mehr"  ist ihr vierter Roman, der erste in deutscher Sprache, er ist ein fulminanter internationaler Erfolg und wir derzeit verfilmt.

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr. Insel Verlag 2015. 19.95€

aus dem Französischen von Sonja Finck

Heinrich Detering

Old Glory - Gedichte

Kilchberg

 

täglich andere Ängste

und immer dieselbe Angst

die erste die letzte die längste

dass du nicht langst

 

dass du nie genug bist

dass du nie genügst

dass deine Sicherheit Lug ist

dass du lügst

 

Angst vor offenen Plätzen

Gier nach dem eigenen Platz

nachts das alte Entsetzen

morgens der nächste Satz

 

Heinrich Detering, geb. 1959, lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen. 2003 erhielt er den Julius-Campe-, 2012 den H.-C.-Andersen-Preis. 2003 war er Paul Celan Fellow in St. Louis, 2004 Poetikdozent in Mainz, 2008 Ehrengast der Villa Massimo, 2012 Liliencron-Dozent für Lyrik in Kiel, 2014 Aston Poet in Residence in Birmingham. Seit 2011 ist er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Er ist u.a. Mitherausgeber der kommentierten Ausgabe der Werke, Briefe und Tagebücher von Thomas Mann und Autor eines Buchs über Bob Dylan.

Heinrich Detering: Old Glory. Wallstein 2012. 16.90€

Heinrich Detering

Wundertiere - Gedichte

Nilpferde über Donauwörth

 

die zutraulichen dicken Sommerwolken

schwebende Riesen nah über uns im Blau

Nilpferde dicht über Donauwörth

wie leicht sie getragen sind von der Luft

 

frei vom Gewicht und versunken in sich selbst

schwimmen sie langsam in dem größeren Strom

an dessem grünen Grund wir krabbeln kriechen

kleine Tiere die hinaufsehen zu den großen

 

Heinrich Detering, geb. 1959, lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen. 2003 erhielt er den Julius-Campe-, 2012 den H.-C.-Andersen-Preis. 2003 war er Paul Celan Fellow in St. Louis, 2004 Poetikdozent in Mainz, 2008 Ehrengast der Villa Massimo, 2012 Liliencron-Dozent für Lyrik in Kiel, 2014 Aston Poet in Residence in Birmingham. Seit 2011 ist er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Er ist u.a. Mitherausgeber der kommentierten Ausgabe der Werke, Briefe und Tagebücher von Thomas Mann und Autor eines Buchs über Bob Dylan.

Heinrich Detering: Wundertiere. Wallstein 2015. 18.90€

Tex Rubinowitz

Irma

»Neulich erreichte mich eine Freundschaftsanfrage über Facebook. Ich bekomme oft solche Anfragen und weiß immer nicht, ob ich sie beantworten soll, was mir das bringen könnte, mal ganz davon abgesehen, dass Facebook eine Wartesaal für Idioten ist und ich mich seit jahren frage, was mache ich hier eigentlich. Aber dann kam eben diese Anfrage, und die war interessant, und vielleicht läuft es ja darauf hinaus, dass wir alle auf so was warten. Die Anfrage kam von einer Irma, und ich wusste augenblicklich, wer das ist. Es waren ja nur ein paar Monate, und jetzt sind 30 Jahre vergangen. Und alles begann und endete mit einem Zettel auf dem Küchentisch.«

Tex Rubinowitz, geboren 1961 in Hannover, lebt seit 1984 als Witzezeichner, Maler, Musiker und Schriftsteller in Wien. 2014 erhielt er den Bachmann-Preis.

Tex Rubinowitz: Irma. Rowohlt 2015. 18.95€

Arno Geiger

Selbstporträt mit Flusspferd

»Da kam mir die plötzliche Erinnerung, warum ich Judith am Anfang auf den Mond gefolgt wäre. Ich so jung und unfertig, und sie schon so selbstsicher. Den ganzen Tag war ich an ihrem Rockzipfel gehangen, von der Früh bis in die Nacht, so sehr hatte ich sie bewundert. Und ohne dass ich's mir bei der Trennung zugegeben hätte, wusste ich insgeheim, dass Judith sich auch während unserer gemeinsamen Jahre rascher entwickelt hatte als ich, sie machte mit schwindelerregender Schnelligkeit Boden gut. Nur hatte ich die Geradlinigkeit ihres Denkens und den entspannten Ernst ihrer Lebensführung zunehmend als vorhersehbar empfunden, stur, spießig, altbacken, nüchtern, ein Charakter: wie mit dem Lineal gezogen, so kam es mir damals vor.«

Arno Geiger, 1968 geboren, lebt in Wolfurt und Wien. Sein Werk erscheint bei Hanser, zuletzt 'Alles über Sally' (2009) und 'Der alte König in seinem Exil' (2011). Er erhielt u. a. den Deutschen Buchpreis (2005), den Hebel-Preis (2008), den Hölderlin-Preis (2011) und den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung (2011).

Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd. Hanser 2015. 19.90€

Jens Steiner

Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit

»Ein ereignisloser Sommer zerrann vor unseren Augen. Während Magnus regelmäßig Kaffee nachgeschenkt bekam und ich mich an meinem mitgebrachten Tee gütlich tat, stierten wir auf den knisternden Abfalleimer, aus dem gelegentlich etwas Gefiedertes schwirrte, lauschten dem Echo unserer eigenen Bewegungen, das die hölzerne Sitzbank zurücksandte, staunten über jenen Regentropfen, der ganz allein vor unseren Füßen auf den heißen Straßenbelag fiel, ein paar Sekunden lang als dunkler Fleck dalag, dann verdampfte und vergessen ward. Und als nimmermüder Taktgeber dieser Stadtrandunendlichkeit quietschte alle paar Minuten das Tram durch die Schlaufe, in deren Mitte wir saßen.«

Jens Steiner studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich und Genf. 2013 gewann er mit seinem zweiten Roman Carambole den Schweizer Buchpreis und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Jens Steiner: Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit. Dörlemann 2015. 19,90€

Max Scharnigg

Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau

»Wie eigentlich er aus den ordentlichen Verhältnissen in seinem frühen Leben in diese wilde Form geraten war, nirgends verzeichnet, ohne Einträge jenseits von Pildau und mit Rissen an den Händen, das war doch eine seltsame Fügung. Als wäre der erste Bauplan für ihn ganz fehlerhaft gewesen und als hätte man den Apparat neu zusammenzusetzen und an anderer Stelle aufbauen müssen, damit er funktionierte, so war es. Er war so recht nur hier, nur hier gab es etwas, das ihm etwas zurückwarf. Aus welchen Ereignissen sich ein Leben zusammensetzte und wie ein paar Zufälle alles bestimmten, das zu fassen, das wäre so eine Sache gewesen, wenn er Schriftsteller wäre.«

Max Scharnigg, 1980 geboren, arbeitet als Redakteur für die Süddeutsche Zeitung. 2011 erschien sein vielfach ausgezeichnetes Romandebüt Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe. 2013 folgte der Roman Vorläufi ge Chronik des Himmels über Pildau.

Max Scharnigg: Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau. Heyne 2015. 9.99€

Daniela Krien

Muldental

»Almut trug an jenem Tag im Juli 1961 ein selbst genähtes rotes Kleid. Nach Ludwigs Meinung war es deutlich zu kurz – es endete eine Handbreit über den Knien -, aber Almut erklärte, dass man das jetzt so trüge. Schwarze Haare, rotes Kleid, gebräunte Haut – seine Erinnerung an sie war viele Jahre bunt geblieben. Mit der Zeit jedoch verblichen die Farben in seinem Kopf. Ihr Lachen und Winken erstarrten. Dann holte er ihr Foto aus der Schreibtischschublade: eine junge Frau in Schwarz-Weiß, eingefroren in einem einzigen Augenblick, kürzer als ein Wimpernschlag, eine achtel oder sechzehntel Sekunde ihres Lebens. Aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Nicht mehr Teil seiner Wirklichkeit.«   

Daniela Krien, geboren 1975 in Neu-Kaliß/Mecklenburg-Vorpommern, aufgewachsen in einem Dorf im Vogtland (Sachsen), lebt seit 1999 in Leipzig. Ihr Romandebüt Irgendwann werden wir uns alles erzählen (2011) war ein Bestseller und erscheint in 15 Sprachen.

Daniela Krien: Muldental Graf Verlag 18€

Iris Hanika

Wie der Müll geordnet wird

»Manfred fragte sich, ob ein Gespräch mit Renate auf Dauer möglich wäre. Es gefiel ihm, wie sie nur so einzelne Brocken auswarf und er sich den Rest denken mußte. Auf diese Weise blieb viel Raum für seine eigene Interpretation, überhaupt für Interpretation. Renate versuchte nicht, durch langwierige Erläuterungen ihre Sicht der Dinge klarzumachen, sie bestand offenbar nicht darauf, daß detailgenau verstanden müsse, was sie dachte, wenn sie so mit halben Sätzen komplexe Sachverhalte darstellte, sondern gab sich wohl mit dem zufrieden, was sie selbst sich dabei gedacht hatte, und was der andere dachte, blieb ihm überlassen. So konnte dieser andere dann denken, was immer er wollte. Solange nun er nicht von ihr erwartete, daß sie es wirklich so gemeint hatte, wie er es verstand, ihr also nicht seine Meinung von ihr aufzwang, sollten sie sich prächtig verstehen können, nämlich einerseits gar nicht, andererseits vollkommen. Sie mußten nur einfach nicht viel reden, sondern vielmehr beide in ihrer jeweiligen Sicht der Dinge verharren, ohne vom anderen zu erwarten, er kennte sie, es gäbe ja keinen diesbezüglichen Austausch.«

Iris Hanika, geboren 1962 in Würzburg, lebt seit 1979 in Berlin. Sie war feste Mitarbeiterin der Berliner Seiten der FAZ und führte eine Chronik im Merkur. 2006 erhielt Iris Hanika den Hans Fallada Preis.

Iris Hanika: Wie der Müll geordnet wird. Droschl 2015. 20,00€

Thomas Glavinic

Das größere Wunder

»Je schneller der Traktor den Berg hinabraste, desto tiefer versank Jonas in einem Gefühl vollkommener Leichtigkeit. Er fühlte sich schwerelos, geborgen und heiter. Es war, als müsste er nicht mehr atmen, um zu leben. Kein Gedanke störte seine Seligkeit, keine Erinnerung sucht in heim, er vermisste nichts und niemanden. Links und rechts der Straße flogen Bäume und Sträucher an ihm vorbei, und er war wie neu. Ewig stürzen. Das ist Glück.«

Thomas Glavinic wurde 1972 in Graz geboren. 1998 erschien sein Debüt Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Es folgten u.a.  Die Arbeit der Nacht (2006),  Das bin doch ich (2007), Das Leben der Wünsche (2009) und Das größere Wunder (2013).Thomas Glavinic erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Seine Romane sind in 18 Sprachen übersetzt. Er lebt in Wien.   

Thomas Galvinic: Das größere Wunder dtv 11.90€

Daniel Galera

Flut

»Er wacht auf, ohne die Augen zu öffnen. Er spürt die Wärme, den Geruch und die Erinnerung an all das, wofür man weder eine Gesicht braucht noch sehen können muss. Das Gewicht eines Körpers zu fühlen, ist eine seiner Lieblingsempfindungen. Wenn sie sich morgen früh auf ihn setzen würde oder auch erst in einem Jahr, egal, er würde sie wiedererkennen. Und auch die Art, wie sich der Körper bewegt. Wenn er sich mit ihm vereint, wenn er ihn mit beiden Händen festhalten und so all seine Bewegungen aufnehmen kann, absichtliche wie unabsichtliche, sanfte wie grobe, ein- oder mehrmalige, dann ergibt sich daraus ein Bild, das ihm sehr viel mehr über diesen Menschen verrät als jeder visuelle Reiz. Wie er sich zusammenrollt und wieder streckt, wie er um etwas bittet und sich verweigert, wie er sich nähert und entfernt.«

Daniel Galera, geboren 1979 in São Paulo, lebt heute in Porto Alegre. Er hat Erzählungen, eine Graphic Novel und drei Romane geschrieben. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet, verfilmt und für das Theater adaptiert worden. Galera hat u. a. Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson übersetzt. Flut ist sein erstes Buch in deutscher Sprache.

Daniel Galera: Flut. Suhrkamp 2015. 9,99€

aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner

Mirko Bonné

Nie mehr Nacht

»Es gab nichts, was nachts anders war als am Tag. Allem fehlt nur die Farbe, sagten wir uns.
„ Das Bett ist das Bett, das Zimmer das Zimmer. Der Flur ist der Flur und die Treppe die weiße Treppe.“
Die Tür war die Tür, und sie war zu.
Draußen der Garten ist der Garten auch in der Nacht, sagten wir uns. Und Ira wusste dabei, und ich wusste es ebenso, jeder für sich musste lernen, allein zu sein, auch nachts. Auf die unzähligen Nächte in unserem gemeinsamen Bett folgten die langen Jahre, als jeder in seinem eigenen Zimmer schlief. Schon lebte jeder in der eigenen Wohnung, hatte eigene Schränke für die eigenen Sachen, machte sich eigene Gedanken und ertrug, so gut es ging, seine Angst allein.«

Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg. Neben Übersetzungen von u. a. E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats, Grace Paley und William Butler Yeats veröffentlichte er bislang fünf Romane und fünf Gedichtbände sowie Aufsätze und Reisejournale. Für sein Werk wurde Mirko Bonné vielfach ausgezeichnet.

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht. Roman. Fischer Taschenbuchverlag 10,99€

Boris Sawinkow

Das schwarze Pferd

»Ich lasse Golubka satteln und reite hinaus in die Felder. Die Stute, die zu lange gestanden hat, verfällt froh in beschwingten Trab und platscht laut durch die Regenpfützen. Es ist ein grauer und warmer Tag. Der Wind schwirrt pfeifend hin und her. Zerfranste lilaschwarze Wolken senken sich auf die Erde herab.

Ich liebe die Freiheit der weiten Felder. Ich liebe die Bläue des fernen Walds, das Tauwetter und den sumpfigen Nebel. Hier, auf den Feldern, weiß ich bis tief in mein Herz hinein - ja, ich bin Russe, ein Sohn der Ackerleute und Landstreicher, der schwarzen mit Schweiß getränkten Erde. Hier ist kein Europa und hier braucht's kein Europa mit seinem kleinlichen Geist, dem biederen Blut, den bemessenen wohlerprobten Wegen. Hier ist das raue Kosakenlied, hier ist raserei, Revolte und Rausch.

Ich halte an der Bjaresina und gehe zu Fuß am Ufer entlang. Sie strömt - ein ruhiger tiefer Fluß. Auf der öden Flut erschimmert mit Raureif das brüchige Eis. Die rostigen Sträucher von Tränen beträufelt, die Sohle gleitet durchs nasse Gras, und Golubka tritt weich aufund stößt ihr Maul gegen meine Schulter. Ich höre sie atmen, und es kommt mir vor - sie und der niedrig hängende Himmel, die Bjaresina, das raschelnde Schilf und ich selbst sind eins - ein untrennbares Ganzes, eine einzige, in sich ruhende unergründbare Welt... Und ich erinnere mich an Olga. Ich erinnere mich an sie, wie ich sie einst in Moskau gesehen habe - in einem weißen Kleid und Strohhut. Wo ist Olga jetzt? Was wurde aus ihr?«

Boris Sawinkow wird 1906 nach einer Vielzahl erfolgreicher Attentate festgenommen und wegen Terrorismus zum Tode verurteilt; ihm gelingt die Flucht. Danach Zeit im Exil, Erscheinen dreier Romane. Während der Revolution stellvertretender Kriegsminister unter Kerenski, aber bald kompromissloser Gegner der Bolschewiken, gegen die er zahlreiche Terrorakte plant. 1924 wird er von Agenten des NKDW nach Russland gelockt und festgenommen. Tod durch Sturz aus dem 5. Stock des Gefängnisses Lubljanka.

Boris Sawinkow: Das schwarze Pferd. Galiani Berlin 2017. 23€

Saša Stanišić

Wie derSoldat das Grammofon repariert

»Sommer ist, wenn der Ball aufsetzt und es so heiß ist , dass die Hitze ein Raum wird, in dem das Leder gegen den Beton klatscht und es einen Hall gibt. Wäre ich Fähigkeitenzauberer, würden Winter und Herbst zwei Feiertage sein, irgendwann im November, Frühling wäre ein anderes Wort für den April, und der Rest des Jahres hätte die Fähigkeit, Sommer zu sein, damit das Leben hallt, der Asphalt schmilzt und Mutter mir Joghurt auf meinen Sonnenbrand schmiert.«


Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert. btb 2008. 9.99€

Karl-Markus Gauß

Das Erste, was ich sah.

»BEVOR ICH AUF DIE WELT kam, saß ich am Milchbrunnen, hoch oben zwischen den Sternen, und wartete darauf, zu meinen Eltern gebracht zu werden. Die Kinder im Haus, die in Unwissenheit gehalten wurden, erzählten sich andere Geschichten von ihrem Herkommen, sie glaubten an den Storch oder behaupteten sogar, im Bauch ihrer Mutter gebacken worden zu sein. Vielleicht gab es ja verschiedene Möglichkeiten, in die Welt zu gelangen, sodass nicht alle Kinder von den Sternen stammten und sich so wie ich am Brunnen, in dem die Milch plätscherte, gelangweilt und danach gesehnt hatten, geboren zu werden.

Manchmal quälte mich das bange Gefühl, dass alles ein Irrtum gewesen und ich vom Milchbrunnen zu den falschen Eltern gebracht worden war. Irgendwo lebten ein Mann und eine Frau, die mich ausgesucht und niemals erhalten hatten, sie schauten in der Nacht zu den funkelnden Sternen hinauf und warteten, dass ich auf einer Wolke, einem Nebelstreif vorbeigebracht wurde; und da ich nie ankam, wurden sie traurig und machten sich auf die Suche und würden mich, wenn sie mich bei meinen Eltern und Geschwistern anträfen, gewiss für sich beanspruchen und mitnehmen wollen. Darum betete ich, Gott möge die richtigen Eltern, wenn es sie gab, nie zu mir finden, und die meinen, wenn sie die falschen waren, nie hinter ihren Irrtum kommen lassen.«


Karl-Markus Gauß. Das Erste, was ich sah. Zsolnay Verlag. 14.90€


Teju Cole

Open City

»Anfänglich erlebte ich die Straßen als eine unaufhörliche Geräuschkulisse, ein Schock nach der Konzentration und relativen Ruhe des Tages, so als zerrisse jemand die Stille einer abgeschiedenen Kapelle mit einem dröhnenden Fernseher. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menge der Kauflustigen und der Angestellten, durch Baustellen und an hupenden Taxis vorbei. Wenn ich durch belebte Teile der Stadt lief, fiel mein Blick auf mehr Menschen, hundert- oder sogar tausendmal mehr Menschen, als ich den ganzen Tag zu sehen gewohnt war, doch der Eindruck dieser zahllosen Gesichter trug nicht dazu bei, mein Gefühl der Isolation zu lindern; es wurde eher noch verstärkt. Auch die Müdigkeit nahm zu, eine Erschöpfung, die ich seit den ersten Monaten als Assistenzarzt drei Jahre zuvor nicht mehr gespürt hatte. Eines Abends lief ich einfach immer weiter, bis zur Houston Street, die ungefähr sieben Meilen entfernt lag, und fand mich schließlich in einem Zustand verwirrter Ermüdung wieder. Ich musste kämpfen, um auf den Beinen zu bleiben. An diesem Abend nahm ich die U-Bahn nach Hause, aber anstatt sofort einzuschlafen, lag ich auf dem Bett, zu müde, um mich vom Wachzustand zu lösen. Und in der Dunkelheit ließ ich noch einmal die zahlreichen Ereignisse und Bilder meines Streifzuges ablaufen und versuchte die Begegnungen zu sortieren, wie ein Kind, das mit Bauklötzen spielt und versucht herauszufinden, welcher Klotz wo hingehört, welcher zu welchem passt. Jedes Viertel schien aus einem anderen Stoff zu bestehen, einen anderen Luftdruck zu haben, eine andere psychische Aufladung: die strahlenden Lichter und verlassenen Läden, die Sozialbauten und Luxushotels, die Feuerleitern und Stadtparks. Ich sortierte weiter, vergeblich, bis die Formen ineinander verschmolzen und abstrakte Gestalten annahmen, die nichts mehr mit der tatsächlichen Stadt zu tun hatten. Erst dann begann mein hektisches Gehirn, endlich Gnade zu zeigen und Ruhe zu geben, und traumloser Schlaf überfiel mich.«

Teju Cole, geboren 1975, wuchs in Nigeria auf und kam als Jugendlicher in die USA. Er ist als Kunsthistoriker, Schriftsteller und Fotograf tätig und hat eine Stelle als Distinguished Writer in Residence am Bard College inne. Teju Cole lebt in Brooklyn, New York.

Teju Cole: Open City. Suhrkamp 2013. 10.99€

Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Richter-Nilsson

Ulrike Edschmid

Das Verschwinden des Philip S.

»Die Dinge verändern sich schleichend. Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe mich in mich selbst zurückgezogen. Er ist laut geworden. Ich wurde leise. Er hat den Aufstand geprobt, hat die anderen Gefangenen aufgewiegelt, sich den Anweisungen der Wärter zu widersetzen. Ich habe mit den Wärterinnen gesprochen. Ihn haben die Wärter mit Judogriffen niedergerungen. Mich hat keine Wärterin jemals berührt. Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen, die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich vieles als feindlich empfinde. Er hat geschworen, sich nie wieder einsperren zu lassen. Ich habe geschworen, mich nie mehr für etwas einsperren zu lassen, für das ich nicht geradestehen kann. Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen kann, wenn er ein anderer wird. Ich glaube, dass ich es nur aushalten kann, wenn ich bei mir selber bleibe. Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in mein Leben zurückgekehrt. Er hat mich im Gefängnis an seiner Seite gesehen. Aber ich war nicht dort, ich war bei meinem Kind. An dieser Unvereinbarkeit zerbricht das gemeinsame Leben. Es geschieht in kleinen Schritten, von uns selbst unbemerkt.«

Ulrike Edschmid, 1940 in Berlin geboren, aufgewachsen in der Rhön/Hessen, studierte Literaturwissenschaft, Pädagogik und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Sie lebt in Berlin.

Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S. Suhrkamp 2014. 8.00€

 

 

 

Tomãs Gonzãles

Das spröde Licht

»In dieser Nacht lag ich lange wach. Auch Sara neben mir schlief nicht. Ich sah ihre braunen Schultern, ihren Rücken, der trotz ihrer neunundfünfzig Jahre noch schlank war, und fand Trost in ihrer Schönheit. Von Zeit zu Zeit hielten wir einander an den Händen. Keiner in der Wohnung schlief, keiner sprach. Manchmal hörte man, wie jemand hustete oder auf die Toilette ging und sich wieder hinlegte. Unsere Freunde Debrah und James waren gekommen, um uns nahe zu sein; sie lagen auf einer Matratze im Wohnzimmer. Venus, Jacobos Freundin, hatte sich in dessen Zimmer zurückgezogen. Unsere Söhne Jacobo und Pablo waren vor zwei Tagen mit einem gemieteten Kombi nach Chicago aufgebrochen und von dort nach Portland geflogen. Irgendwann war mir, als hörte ich leise Gitarrentöne aus dem Zimmer von Arturo, unserem dritten Sohn. Von der Straße drang der nächtliche Lärm der Lower East Side herauf, Schreie, zersplitternde Flaschen, so wie immer. Etwa um drei dröhnten ein paar Motorräder der Hells Angels vorbei, die ihren Treffpunkt zwei Häuserblocks von unserer Wohnung entfernt hatten. Dann schlief ich fast vier Stunden durch, ohne zu träumen, bis mich um sieben Uhr ein stechender Schmerz tief in mir weckte, es war die Angst vor dem Tod meines Sohns Jacobo, den wir für sieben Uhr abends in Portland, zehn Uhr nachts New Yorker Zeit, geplant hatten.«

Tomãs Gonzãlez wurde 1950 in Medellãn/Kolumbien geboren. Er studierte Philosophie, war Barmann in einer Diskothek in Bogotã, betrieb eine Fahrradmontage-Werkstatt in Miami und lebte 16 Jahre lang als Journalist und Übersetzer in New York. 2002 kehrte er nach Kolumbien zurück.

Tomãs Gonzãles: Das spröde Licht. S. Fischer 2012. 17,99 €

Aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft

 

 

Gabriel Josipovici

Moo Pak

»Die Menschen sind zu keiner nachhaltigen Anstrengung mehr fähig, kennen keine allmähliche Entwicklung, keine Geduld, keine Beharrlichkeit. Wenn man sich anschaut, wie weit es mit der sogenannten zivilisierten Welt gekommen ist, sagte er, möchte man gar nichts mehr machen, weil es ohnehin ignoriert wird. Aber man muß sich dieser Mühe unterziehen, man muß weiter das tun, von dem man weiß, daß es gut und richtig ist, man muß seinen Blick von der Welt abwenden und ihn allein auf das richten, was getan werden muß.«

Gabriel Josipovici, geboren 1940 in Nizza als Sohn ägyptisch-jüdischer Eltern, lebt seit fünfzig Jahren in England, wo er viele Jahre Universitätsdozent war. Autor von Erzählungen und Romanen, Theaterstücken und Hörspielen und von kulturgeschichtlichen Werken; Literaturkritiker.

Gabriel Josipovici: Moo Pak. Suhrkamp 2010. 13.90€

Aus dem Englischen von Jochen Schimmang

 

Andrzej Stasiuk

Hinter der Blechwand

»Manchmal gehe ich raus, wenn es dunkel ist, und schaue mir an, wie die Leute einkaufen. Ich finde einen Vorwand und gehe in die Läden. Vielleicht fehlt mir einfach die Anwesenheit von Menschen. Nicht ihre Gesellschaft, sondern nur ihre Anwesenheit. Ich kaufe Toilettenpapier oder Flüssigkeit für die Scheibenwischanlage und sehe einfach zu, wie die Packungen mit tiefgekühltem norwegischem Fisch durch ihre Hände gehen, wie sie die Gläser mit mexikanischer Soße herausnehmen und wieder zurückstellen, in griechischen Meeresfrüchten und texanischen Steaks herumwühlen. So steht es geschrieben. Jede Woche eine andere Küche. Irgendwo müssen sie das später hinkippen, denn die Leute gehen letztendlich doch zu den Ständen mit Wurst, Speck und abgepacktem Rollschinken. Also müssen sie diesen norwegischen Fisch irgendwo hinkippen. Vielleicht wechseln sie auch nur die Verpackungen und Etiketten aus. Aus norwegischem Fisch wird schwedischer, aus texanischer Soße thailändische, und so geht es ein paar Wochen weiter, bis es zu stinken anfängt. Ich bin wie die alten Frauen, die herkommen, um unter Menschen zu sein. Sie kaufen ein bißchen von dem, ein bißchen von jenem, ganz wenig, aber sie gehen lange zwischen den Regalen entlang. Das ist wichtig. Vor allem im Winter. Es ist warm, hell, und man kann wählen, man kann Entscheidungen treffen. Die jungen Frauen an den Kassen müssen ihnen mit Respekt begegnen. Bald wird es in der Stadt nur noch Alte geben, und ich werde einer davon sein.«

Andrzej Stasiuk, der in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor gilt, wurde 1960 in Warschau geboren, debütierte 1992 mit dem Erzählband Mury Hebronu ( Die Mauer von Hebron), in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. 1986 zog er nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden.

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand. Suhrkamp 2011. 9,99 €

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

David Albahari

Die Kuh ist ein einsames Tier

»Der Schriftsteller versucht seit Tagen eine Geschichte zu schreiben, die er seinen Eltern widmen will, genauer dem Schatten seiner Eltern, denn Sie sind schon längst tot, aber etwas stört ihn, etwas hindert ihn anzufangen. Und wenn der erste Satz doch noch am Horizont auftaucht, zerfällt er, bevor er aufgeschrieben ist. Der Schriftsteller vermutet, daran seien die Spatzen und die Tauben schuld, die sich auf der Balkonbrüstung drängen. Er steht auf und vertreibt sie, aber vergebens, denn kaum kehrt er ihnen den Rücken, kommen sie wieder. Es bleibe ihm keine andere Wahl, als eine Vogelscheuche zu bauen, stellt der Schriftsteller fest. Er geht ins Zimmer und kommt mit Vaters altem Hut, Mutters buntem Kleid und hohen Stöckelschuhen zurück. Während er sich bemüht, all dies an einem Besen zu befestigen, meint er Mutters Stimme zu hören. »Da hast Du doch deine Geschichte, mein Junge«, sagt die Stimme, aber als er sich umdreht, sieht der Schriftsteller nur seinen Schatten an der Wand.«

David Albahari, geboren am 15 März 1948 in Peć, Jugoslawien, studierte englische Literatur und Sprache an der Universität von Belgrad. Er lebt seit 1994 in Calgary, Kanada, und arbeitet als Schriftsteller und Übersetzter

David Albahari: Die Kuh ist ein einsames Tier. Kurze Geschichten und dauerhafte Wahrheiten über Liebe, Traurigkeit und den ganzen Rest. Eichborn Verlag 2011. 16,95€

Übersetzt von Mirjana und Klaus Wittmann

 

 

Volker Harry Altwasser

Letzte Fischer

»Mathilde stützte sich auf einen Ellenbogen, hörte die Rufe zwar, aber zum Antworten fehlte ihr die Kraft. Sie grub die Finger tief in den feuchten Sand und ballte die Hände zu Fäusten. So viele Sterne waren da oben! Und doch einer weniger als gestern noch. Als was Robert da oben wohl nun erschien? Als Schattenstern oder als Sternschatten? Mathilde drückte sich den feuchten Sand ins Gesicht und rieb sich mit immer festeren Bewegungen die Ohren, bis sie sich schließlich auf die Ohren schlug; wütend und machtlos. Sie konnte die Rufe nicht ignorieren. Dabei wollte sie doch gern noch ein wenig allein sein! Warum nur wollten diese Menschen, die ihr doch nichts bedeuteten, ihr die Arme um die Schultern legen und sie zurück zum Wohnplatz führen? Gar zum Arbeitsplatz? Warum nur konnten die Menschen die Menschen nicht allein lassen?«

Volker Harry Altwasser, 1969 in Greifswald geboren, absolvierte die Realschule und anschließend eine Lehre zum Elektronikfacharbeiter. Er war u.a. tätig als Heizer in der Reichsbahndirektion, Matrose in der NVA, Gefreiter auf der Fregatte Bremen, wo er nicht zum Obergefreiten befördert wurde, weil er auf Las Palmas das Auslaufen des Schiffes verpasste. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter 2003 seinen Debütroman »Wie ich vom Ausschneiden loskam«. Bei Matthes & Seitz Berlin erschienen bisher: »Letzte Haut« (2009), »Letztes Schweigen« (2010) und »Letzte Fischer« (2011).

Volker Harry Altwasser: Letzte Fischer. Matthes & Seitz Verlag 2011. 24 €

 

 

 

Ingvar Ambjørnsen

Den Oridongo hinauf

»Und die Zeit vergeht, wie sie das eben macht, und es regnet und regnet, aber jetzt warte ich ja immerhin auf etwas Gutes, auf Berti, ich versinke in einer Art Meditation, ich schalte so viele mentale Leitungen aus wie möglich, ich schließe die Augen und versinke in mir selbst, ich hyperventiliere, ich falle und falle, während ich physisch fest dastehe, fest wie ein Pfahl dort am Strand in dem nassen Sand, während ich auf Wind und Wasser horche – und am Ende auch auf das Geräusch eines Motors, der sich irgendwo hinter mir befindet, es ist ein Fahrzeug, das offenbar näher und näher kriecht, und als ich mich aus Trance und Selbsthypnose reiße, kann ich mich umdrehen und einen Traktor sehen, der langsam vorwärts wackelt, der auf einem Weg, den ich offenbar übersehen habe (in meinem Eifer, zum Strand zu gelangen), hin und her geworfen wird, ein Traktor, der angewackelt kommt, und ich sehe einen gelben Helly-Hansen-Arm, der mir hinter dem Führerhaus zuwinkt, vermutlich von einem Anhänger, und ich winke zurück, gelassenes breites Winken, hier bin ich, hier stehe ich, jetzt bin ich endlich aus der Stadt und hier zu dieser Insel im Meer gekommen, über die ich so viel gehört und gelesen habe, die sich aber dennoch von einer dermaßen überraschenden Seite zeigt, ja, ist es nicht sogar ein bisschen witzig, dass dieser triefnasse Stadtmann da steht und winkt, sodass das Wasser von seinen Fingerspitzen spritzt?«

Ingvar Ambjørnsen, geb. 1956 in Tánsberg, Norwegens kneipenreichster Stadt, aufgewachsen in Larvik. Nicht vollendete Gärtnerlehre und mancherlei Jobs in Industrie und Psychiatrie. Erste Buchveröffentlichung 1981:»23-salen«, seitdem zahlreiche Romane, Welterfolg mit den Elling-Romanen. Lebt seit 1985 in Hamburg. Bei Edition Nautilus erschienen zuerst der autobiografische Roman »Weiße Nigger« und zuletzt der Krimi »Stalins Augen«.

Ingvar Ambjørnsen: Den Oridongo hinauf. Edition Nautilus 2012. 19,90€

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.

 

 

Gerbrand Bakker

Der Umweg

»Auch ihr eigenes Gesicht konnte sie im Spiegel nicht richtig sehen. Sie leckte ihren linken Handrücken, er schmeckte nach ihr selbst. Dann nahm sie eine Tablette ein. Später, sie lag wieder im Bett, klang der Bach zähflüssig, und der Wasserkreislauf, den sie sich vorstellte, wurde unendlich viel weiter, blauer, weißer, nasser. Sie legte die Hände auf den Bauch. So war der Junge doch irgendwie bei ihr, sie glaubte sogar zu spüren, wie die von ihren Händen aufgefangene Spannung sich auf ihre Haut übertrug. Wie einfach wäre es gewesen, die Hand abwärts gleiten zu lassen, die andere auf seine Brust zu legen, ihn an sich zu ziehen: sein Hinterkopf auf ihre Schulter, der Hals wehrlos, sein Geruch mit Säuerlichem vermischt. Geben und nehmen, dachte sie, in dem vorgestellten Kreislauf bei einer Wolke angekommen, die sich am Berg abregnet. Er hinter mir, ich hinter ihm. Er muß weg, aber nicht ganz. „There, there“ und „ach“, das ist schon fast alles. Das zähe Fließen des Bachs trug sie fort, ihr Denken dehnte sich, jeden Moment würde sie einschlafen. Sie hatte gerade noch genug Zeit für den Gedanken, wie angenehm es war zu schlafen. So von allem gelöst. So frei von Dingen, über die der wache Mensch sich den Kopf zerbricht, vor denen er Angst hat, denen er mit Schrecken entgegensieht.«

Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, studierte niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, arbeitete als Übersetzer von Untertiteln und ist Diplomgärtner. Er ist Autor eines etymologischen Wörterbuchs der niederländischen Sprache und des Jugendromans »Birnbäume blühen weiß« (Patmos 2004).

Gerbrand Bakker: Der Umweg. Suhrkamp 2012. 19,95 €

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Julian Barnes

Vom Ende einer Geschichte

»Ich erinnere mich an eine Zeit gegen Ende der Pubertät, als ich mich innerlich an Bildern von Kühnheit und Abenteuerlust berauschte. So wird es sein, wenn ich mal erwachsen bin. Dort werde ich hingehen, das werde ich tun, jenes entdecken, diese Frau lieben und dann die und die und die. Ich werde leben, wie die Menschen in Romanen leben und gelebt haben. In welchen genau, wusste ich nicht, nur das es darin Leidenschaft und Gefahr, Verzückung und Verzweiflung (aber dann noch mehr Verzückung) geben würde. Indes... von wem stammt dieser Satz von der »Nichtigkeit des Lebens, die die Kunst überhöht«? Als ich Ende zwanzig war, kam ein Moment, in dem ich mir eingestand, dass meine Abenteuerlust längst im Sande verlaufen war. Ich würde nie tun, was die Jugend sich erträumt hatte. Stattdessen mähte ich den Rasen, ich machte Urlaub, ich hatte mein Leben.«

Julian Barnes, geboren 1946, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen zunächst als Lexikograf, dann als Journalist. Barnes, der zahlreiche europäische und amerikanische Literaturpreise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Preis, hat ein umfangreiches erzählerisches Werk vorgelegt, zuletzt den Roman »Arthur & George« und »Nichts, was man fürchten müsste«.

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte. Kiepenheuer & Witsch 2011. 18,99 €

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

 

 

 

Marion Brasch

Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie.

»Es wurde wieder Sommer, ein unerträglich heißer und drückender Sommer, durch den sich die Leute mit jedem Tag langsamer bewegten. An den Wochenenden zwängten sie sich in ihre glühenden Autos oder stiegen in überfüllte S-Bahnen, um die Seen zu bevölkern, die am Stadtrand lagen. Sie bildeten sich ein, dort glücklich zu sein, und vielleicht waren sie es auch. Ich war es nicht, denn ich war allein, und der Sommer verachtete die Einsamen – davon war ich fest überzeugt. Deshalb hielt ich mich von ihm fern, blieb an meinen freien Tagen zu Hause, ließ die Rollos herunter, spielte auf meiner Gitarre dunkelgraue Moll-Akkorde und wünschte mir den Herbst.«

Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Als gelernte Schriftsetzerin arbeitete sie in einer Druckerei und in verschiedenen Verlagen. Heute ist sie als freie Rundfunkjournalistin und -moderatorin tätig. »Ab jetzt ist Ruhe« ist ihr erster Roman.

Marion Brasch. Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. S. Fischer 2012. 19,99 €

 

 

Nicolas Dickner

Nikolski

»Anstatt seine Energie mit zwecklosen Plädoyers zu vergeuden, zog Noah sich in den Wohnwagen zurück, um den Inhalt des Umschlags genauer zu betrachten – insbesondere den Studienführer, ein dicker Atlas mit den verschiedenen Laufbahnen, die er von nun an einschlagen könnte. Er suchte zunächst nach dem Diplom in angewandtem Nomadismus oder den Bachelor in Internationalen Irrfahrten, die einzigen Fächer, für die er sich ein wenig geeignet hielt,  jedoch fand in dem Ratgeber kein Studiengang dieser Art Erwähnung. Er müsste wohl vorliebnehmen mit dem, was es gab, und so begann Noah, den Studienführer von der einen Umschlagseite bis zur anderen ohne Auslassung durchzulesen, von Adaptronik bis Zenologie über Angewandte Betriebswirtschaften, Meinungseintrichterungen und Stumpfsinnigkeitsstudien. Diese einschläfernde Lektüre hatte ihn alsbald übermannt und er kippte vornüber in den Ratgeber. Eine Stunde später tauchte er wieder auf, ihm war übel. Er schaute sich um in der Hoffnung, die Umgebung wiederzuerkennen. Der Wasserkocher zeigt ihm das Bild seines deformierten Gesichts. Mitten auf der Stirn hatte die billige Druckerschwärze ein rätselhaftes Wort hinterlassen. Archäologie.«

Nicolas Dickner, geboren 1972 in Riviere-du-Loup, Québec, Kanada, lebt heute nach ausgedehnten Reisen durch Lateinamerika und Europa in Montréal. »Nikolski« (FVA, 2009), sein erster Roman, wurde unter anderem mit dem Prix des Libraires 2006 ausgezeichnet.

Nicolas Dickner: Nikolski. Btb Verlag 2011. 9,99€

Aus dem Französischen von Andreas Jandel

 

 

 

Marjana Gaponenko

Wer ist Martha?

»Wir schweigen gut, sagt Lewadski zu Herrn Witzturn einen Augenblick später. Doch es gibt einen von uns, der tiefer schweigt als der andere. So wie es in einem Gespräch immer einen gibt, der mehr redet. Beim Sprechen wird erzählt und zugehört, und beim Schweigen? Beim Schweigen gibt es schweigen und verschweigen, antwortet Herr Witzturn.«

Marjana Gaponenko wurde 1981 in Odessa (Ukraine) geboren, studierte dort Germanistik und lebt heute nach Aufenthalten in Krakau und Dublin in Mainz. Sie schreibt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr auf Deutsch.

Marjana Gaponenko. Wer ist Martha? Suhrkamp 2013. 8,99€

 

 

Wilhelm Genazino

Wenn wir Tiere wären

»Einmal hatte ich Maria darauf aufmerksam gemacht, wie Krähen vom Boden abheben und wie anmutig und zugleich erschöpft vom vielen Auffliegen die Krallen der Krähen während der Abflugphase nach unten hängen und wie sie dabei ein ausdrucksstarkes Sinnbild für das ewige Sich-herumschleppen aller Lebewesen abgaben. Von Maria kam darauf keine Reaktion. Nichts! Es war mir klar, dass sie schwieg, weil sie mich nicht kränken wollte. Mit herunterhängenden Krallen abfliegender Krähen war Maria nicht zu beeindrucken. In diesen Augenblicken eroberte mich meine Hauptbeklemmung: Ich kannte keine wirklich zu mir passenden Menschen.«

Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Zuletzt erschienen von Wilhelm Genazino die Romane »Ein Regenschirm für diesen Tag« (2001), »Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman« (2003), »Die Liebesblödigkeit« (2005), »Mittelmäßiges Heimweh« (2007) und »Das Glück in glücksfernen Zeiten« (2009).

Wilhelm Genazino. Wenn wir Tiere wären. dtv 2013. 8,90€

 

 

Olga Grjasnowa

Der Russe ist einer, der Birken liebt

»Feuchte Sommerhitze, wie jeden Tag. Ich war nass geschwitzt, schon nach den fünf Treppen von meiner Wohnung auf die Straße. Im Supermarkt hielten die Touristen verzweifelt nach jemandem Ausschau, der ihnen die hebräischen Produktinformationen vorlesen könnte. Andere prüften mit zweifelnden Mienen die Kaschrut- Bestätigungen auf den Verpackungen. Ich kaufte Kaffee und Milch und ging über die Straße zu den Schnellrestaurants. In zwei kleinen rechteckigen Kartons befand sich das Essen vom indischen Imbiss. Elias hatte keinen Hunger, lag apathisch auf dem Sofa, unter einer dünnen Decke, und zappte durch die Kanäle. Ich setzte mich zu ihm und schmiegte mich an ihn. Ich wollte unbedingt seine Wärme spüren, ihn küssen und streicheln, aber er bewegte sich nicht, gestand mir nicht einmal die kleinste Liebkosung zu. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt.«

Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku, Aserbaidschan, wuchs im Kaukasus auf. Längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland und Israel. Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. 2011 erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung. Derzeit studiert sie Tanzwissenschaften an der FU Berlin.

 Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. dtv 2013. 9,90€

 

 

Michel Houellebecq

Karte und Gebiet

»Man kann sich immer«, so hatte es Houellebecq gesagt, als er ihm von seiner Schriftstellerlaufbahn erzählt hatte »Notizen machen und versuchen, Sätze aneinanderzureihen; doch um wirklich mit der Niederschrift eines Romans zu beginnen, muss man warten, bis all das kompakt und unwiderlegbar wird, warten bis ein harter Kern der Notwendigkeit auftaucht. Man trifft die Entscheidung, ein Buch zu schreiben, nie selbst, hatte er hinzugefügt, ein Buch sei wie ein Block aus Beton, der den Zeitpunkt des Abbindens selbst bestimme, und die Entwicklungsmöglichkeiten des Autors beschränken sich ihm zufolge darauf, anwesend zu sein und bedrückt über die Untätigkeit darauf zu warten, dass der Prozess von selbst in Gang käme.«

Michel Houellebecq wurde 1958 auf La Réunion geboren und wuchs bei seinen Großeltern in Crécy-La-Chapelle auf. Houellebecq veröffentlichte zunächst Gedichtbände, für die er bald mit Preisen ausgezeichnet wurde. 1992 wurde ihm der Prix Tristan Tzara für »Suche nach Glück«, 1996 der Prix de Flore für »Der Sinn des Kampfes« verliehen. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem ersten Roman »Ausweitung der Kampfzone«. Michel Houellebecq lebt heute in der irischen Grafschaft Cork.

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. DuMont 2011. 9,99 €

Aus dem Französischen von Uli Wittmann

 

 

Wojciech Kuczok

Dreckskerl

»Gucio war ein unheilbarer Melancholiker; ohne das Wohlwollen und das Reaktionsvermögen seiner Nächsten wäre er wohl, statt es mit dem eigenen Talent aufzunehmen, zum eingefleischten Selbstmörder geworden. Die Schule beendete er nachlässig, sozusagen nebenbei, mit Diplomen und Auszeichnungen, die er auf dem Nachhauseweg meist in irgendeiner Schenke verlor, wie es sich für einen von Anfällen schwarzer Galle geplagten Jüngling ziemte, denn er trank schon in den Gymnasialjahren, viel und finster; die Runde der Kneipbrüder war seiner Gesellschaft ziemlich bald überdrüssig, denn im Suff redete er immer vom Tod, also gab sich Gucio seinen Stimmungen nur noch einsam hin. Im Elternhaus begegnete man ihm mit Anerkennung für sein Talent, aber auch in dem Bewußtsein, daß er die Familie keinesfalls repräsentieren müsse, daß es besser war, ihn beizeiten in Ruhe zu lassen an Feiertagen und Festen, denn er würde in unversöhnlichem Schweigen bei Tisch sitzen, sich Rotwein nachgießen, bis die Flasche leer war, und dann würde er vom Tisch aufstehen und grußlos in seine Zelle gehen (so nannte er sein Zimmerchen im Haus) und über die Vergänglichkeit nachsinnen. Als Gucio der Familie mitteilte, daß er bei der Akademie angenommen sei und ausziehe, um die Kunst der Malerei zu erlernen, atmete die Familie erleichtert, aber auch überrascht auf, denn alle hatten sich schon mit dem Gedanken an sein unentrinnbares Noviziat abgefunden, Tanten und Onkel wiederholten ständig: So ein Empfindsamer wird in den heutigen Zeiten entweder verrückt oder geht ins Kloster.«

Wojciech Kuczok, geboren 1972 in Chorzów, ist polnischer Schriftsteller und Filmkritiker. In den 90er Jahren begann er schriftstellerisch zu arbeiten und gehörte der Dichtergruppe Na dziko an. Sein erster Erzählband erschien im Jahre 1996. Für seinen ersten Roman Gnój (Dreckskerl) aus dem Jahre 2003, erhielt er 2003 den Paszport Polityki und im Jahre 2004 den bedeutendsten polnischen Literaturpreis, die Nike.

 

Wojciech Kuczok: Dreckskerl. Suhrkamp 2012. 7.99€

Aus dem Polnischen von Gabriele Leupold und Dorota Stroinska

 

Mariana Leky

Die Herrenausstatterin

»Nachts kam Armin mit in mein Bett, das früher Jakobs und mein Bett gewesen war. Blank schlief auf dem Sofa. »Es wird Zeit, dass Sie wieder in Ihr Bett gehen«, hatte er gesagt. Als ich mich zum ersten Mal wieder in das Bett gelegt hatte, hatte Armin sich mit hineingelegt, dadurch war es weniger schlimm gewesen, als ich gedacht hatte. Die erste Nacht mit Armin in Jakobs und meinem Bett war umständlich gewesen, weil ich, als wir im Bett lagen, fand, dass das Bett dringend woanders hin müsse, und also standen wir wieder auf, verschoben den Schrank und das Bett, wir schoben es insgesamt eineinhalb Mal durch das ganze Zimmer, bis es endlich so stand, wie Jakob es nie und nimmer gewollt hätte.
Danach ließ sich Armin erschöpft auf das Bett fallen und rieb sich die Schulter, die Schulter, die sich durch das mehrmalige Anheben des Bettes verspannt hatte. Ich ließ mich neben ihn fallen. »Armin«, sagte ich, »es ist gut, dass du da bist.« Das stimmte. Es stimmte, und dass Armin und ich uns im Grunde nichts zu sagen hatten und mich im Grunde nichts mit Armin verband, stimmte auch, tat aber nichts zur Sache, keiner musste das aussprechen, weil das Aussprechen ungefähr so überflüssig war, wie einer Tante zu sagen, dass ihr Porzellanflamingo einem nicht gefällt. 
Armin lächelte: »Ich weiß«, sagte er, verschränkte die Hände im Nacken und seufzte zufrieden, »ich bin so ziemlich alles, was du brauchst.« Ich fand, dass das für Armin ein relativ bescheidener Satz war. »So ziemlich alles?«, fragte ich. »Was brauche ich denn noch, deiner Meinung nach?«
Armin richtete sich auf und sah mich erstaunt an. »Blank natürlich«, sagte er.«

Mariana Leky wurde 1973 in Köln geboren und lebt heute in Berlin. Sie studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Im DuMont Buchverlag erschienen der Erzählungsband »Liebesperlen« (DuMont Taschenbuch 2010) sowie die Romane »Erste Hilfe« (2004) und »Die Herrenausstatterin« (2010).

Mariana Leky: Die Herrenausstatterin. DuMont 2011. 9.99€

 

 

 

Column McCann

Die große Welt

»Innerhalb von Sekunden war er Reinheit in Bewegung und konnte tun, was er wollte. Er war in seinem Körper und gleichzeitig außerhalb von ihm, und genoss, was es hieß, der Luft zugehörig zu sein: ohne Zukunft, ohne Vergangenheit, und dass verlieh seinem Gang diese schlendernde Lässigkeit. Er trug sein Leben von einer Seite zur anderen. Auf der Suche nach dem Moment, in dem er sich nicht einmal mehr seines Atems bewusst war.
Der eigentliche Grund war Schönheit. Das Gehen auf dem Seil war ein göttliches Vergnügen. Wenn er dort oben in der Luft war, wurde alles umgeschrieben. Der menschlichen Gestalt standen neue Möglichkeiten offen. Es ging um mehr als reines Gleichgewicht.
Für einen Augenblick fühlte er sich unerschaffen. Auf eine andere Art wach.«

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. Für seine Romane und Erzählungen erhielt McCann zahlreiche Literaturpreise. Zum internationalen Bestsellerautor wurde er mit den Romanen Der Tänzer und Zoli .

Colum McCann: Die große Welt. Rowohlt Taschenbuch. 9,99 €.
Aus dem Englischen von Dirk van Gusteren

 

 

Melinda Nadj Abonji

Tauben fliegen auf

»... Dragana und ich, zwei Tiere, die sich in die Augen schauen, wir, die Todfeinde sein müssten, weil Dragana bosnische Serbin ist oder serbische Bosnierin? Und ich zur ungarischen Minderheit in Serbien gehöre (der Irrsinn, der sich weiter dreht, in meinem Kopf, in allen Köpfen), und es ist absurd und absolut möglich, dass einer meiner Cousins desertiert, weil er als Ungar nicht in der jugoslawischen Volksarmee kämpfen will, es kann sein, dass ihn einer von Draganas Cousins erschiesst, weil er bei der jugoslawischen Volksarmee kämpft und Deserteure erschossen werden; es kann aber auch sein, dass einer von Draganas Cousins desertiert, weil er sich als Bosnier fühlt, als bosnischer Serbe nicht in der jugoslawischen Volksarmee kämpfen will, es kann sein, dass dann mein Cousin Draganas Cousin erschiesst, … aber möglicherweise werden beide erschossen, von einem Muslimen, einem Kroaten, einem Blindgänger, von einer Mine zerfetzt, irgendwo, an einem unbekannten Ort, im Niemandsland, während wir hier zusammen Brötchen streichen, in unserer Küche.«

Melinda Nadj Abonji, geboren 1968 in Becsej, Serbien, lebt als Schriftstellerin und Musikerin in der Schweiz. Für Tauben fliegen auf erhielt sie 2010 den Deutschen Buchpreis.

Melinda Nadj Abonji. Tauben fliegen auf. dtv 2012. 9,90€

 

 

Richard Obermayr

Das Fenster

»Ich weiß, ich sollte längst vergessen und vergangen sein. Ich hätte kommen und gehen sollen wie alle anderen auch, bin aber geblieben. Ich hielt mich länger auf und dachte nach, und ohne es zu merken, habe ich begonnen, mich nur noch in der Vergangenheit aufzuhalten. Hier bin ich nun, in diesem Sommer, und werde ihn wohl nie mehr verlassen können. (Er sieht sich im Zimmer um, betrachtet die Gegenstände, nimmt einige davon in die Hand, wie man es von einem Gefangenen erwartet, der vom ersten Moment an, als sich die Tür hinter ihm schließt, die Gegenstände in der Zelle mustert und danach beurteilt, wie sie ihm als Werkzeug dienen und zur Flucht verhelfen können, so wie man ein Laken auftrennen und zu einem Seil drehen muss, mit einem Löffel die Mauern ausschabt, aus den Zinken einer Gabel einen Dietrich macht ... und ich wäre verschwunden, das Zimmer leer und unsere Geschichte dort zu Ende.)«

Richard Obermayr, geboren 1970, wuchs im oberösterreichischen Schlatt auf. 1996 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. 1998 erschien sein Roman-Debüt »Der gefälschte Himmel«. »Das Fenster« (2010) ist sein zweiter Roman. Richard Obermayr lebt in Wien.

Richard Obermayr. Das Fenster. Jung und Jung 2010. 22,00€

 

 

Ralf Rothmann

Junges Licht

»Unter Tage ist es still um diese Zeit, in der sich noch niemand im Schacht oder auf der letzten Sohle befindet, und der Mann schob das Gitter zu und legte den Riegel um, trat einen Schritt zurück. Stiller als über den Wolken. Er öffnete den Telefonkasten, nahm den Hörer heraus und gab seine Markennummer durch, die Strecke und den Schichtbeginn. Nach der Bestätigung hängte er ein, und momentlang bewegten sich die Stahlseile lautlos; dann ruckte der Korb an, die Gitter klirrten, und die Lampe unter dem Blechdach zitterte derart, daß die toten Fliegen in der Milchglasschale hüpften. Nach der Schrägführung, einer Strecke von einigen Metern, verstummten die Geräusche, und der Aufzug schwebte fast lautlos bis unter das Gewölbe aus Brandschiefer und Mergel und war im nächsten Augenblick verschwunden. Nur noch ein hoher, nach und nach leiser werdender Ton kam aus dem Schacht.«

Ralf Rothmann wurde 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin. Sein Werk umfasst mittlerweile neun Romane und mehrere Erzählungsbände.

Ralf Rothmann. Junges Licht. Suhrkamp 2006. 8,00€

 

 

Kim Thúy

Der Klang der Fremde

»Die Stadt Grandby war der wärmende Bauch, der uns während unseres ersten Jahres in Kanada behütete. Ihre Bewohner verhätschelten uns. Die Schüler aus meiner Grundschule standen Schlange, um uns zum Mittagessen bei sich zu Hause einzuladen. So war jeder Mittag für eine Familie reserviert, und jedesmal kamen wir danach mit fast leerem Magen in die Schule, weil wir nicht wussten, wie man körnigen Reis mit der Gabel isst. Wir wussten nicht, wie wir ihnen sagen sollten, dass uns dieses Essen fremd war und sie nicht die Märkte abklappern müssten, um die letzten Schachtel Minute Rice aufzutreiben. Wir konnten weder mit ihnen sprechen noch sie verstehen. Aber das Wichtigste war da. Großzügigkeit und Dankbarkeit steckten in jedem Reiskorn, das auf dem Teller liegen blieb. Noch heute frage ich mich, ob Worte diese Momente der Gnade befleckt hätten. Ob Gefühle manchmal nicht besser verstanden werden, wie bei Claudette und Herrn Kiet. Ihre ersten gemeinsamen Momente waren ohne Worte, und doch war Herr Kiet bereit, Claudette sein Baby in die Arme zu legen, ohne zu fragen: ein Baby, sein Baby, das er am Strand gefunden hatte, nachdem sein Schiff von einer allzu gefräßigen Welle verschlungen worden war. Seine Frau hatte er nicht wiedergefunden, nur seinen Sohn, der seine zweite Geburt ohne Mutter erlebte. Claudette streckte die Arme nach Ihnen aus und behielt sie bei sich, Tage, Monate, Jahre lang.«

Kim Thúy wurde in Saigon geboren und floh als Zehnjährige zusammen mit ihrer Familie in den Westen. Sie arbeitete als Übersetzerin und Rechtsanwältin und war Gastronomin und Gastrokritikerin für Radio und Fernsehen. Für ihren  Roman »Der Klang der Fremde« erhielt Sie mehrere Preise, u.a. den kanadischen Prix littéraire du Gouverneur général 2010 und den französischen Grand Prix RTL-Lire 2010. Kim Thúy lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Montréal.

Kim Thúy: Der Klang der Fremde. dtv 2015. 8,90€

Aus dem Französischem von Andrea Alvermann und Brigitte Große