10.11.2020

Schreiben und Lesen sind für Schreibende nicht ganz so verschieden.
Beide Tätigkeiten verlangen, wach und bereit zu sein für unerklärliche
Schönheit (…) schriftstellerischer Vorstellungskraft. (…) Beide erfordern
Aufmerksamkeit für die Stellen, wo die Vorstellungskraft sich selbst
sabotiert, sich selbst die Türen verschließt, die Sicht verdirbt. Toni Morrison

Die Augenöffnerin
Ich kaufe Bücher, immer und überall. Im Alltag, auf meinem Weg durch die Stadt, durch die
Städte, betrete Buchläden wie Lebensmittelgeschäfte, kaufe Bücher wie Brot und Kuchen.
Auch auf Reisen, wenn ich mich über meinen Muttersprachraum hinaus bewege, kehre ich
in Buchläden ein: Nehme fremdsprachige Bücher zur Hand, trage sie eine Weile im
Geschäft herum, um sie schließlich liegen zu lassen oder zu erwerben – in der Hoffnung,
durch die Bücher auch die Sprachen dieser Orte mit heimbringen zu können, auf dass sie
Platz nehmen in meinem Schreiballtag. Denn Bücher materialisieren Sprache(n), und
Sprache ist die Voraussetzung meines Schreibens – also häufe ich sie an.
Die Libraire Ouvrir l’oeil ist ein gut sortierter Ort. Eine Buchhandlung im Zentrum
von Lyon, deren Name verspricht, dass sie Augen öffnen kann. Und tatsächlich: Mir gehen
die Augen über. Sie strotzt und schillert vor Büchern, die ich gleich zur Hand nehmen will.
Ich bin orientierungslos und gierig, frage also den Buchhändler, wo ich finde, was ich noch nicht suche.
Der Buchhändler ist so gut sortiert wie sein Laden. Das Gespräch mit ihm wandert von Regal zu Regal
– von Despentes über Chollet zu Fanon, von Klassik zu Pop, von Comic zu bibliophilen Grafikeditionen –
und könnte ein Literaturpodcast sein. Einer, den ich sofort abonnieren würde.
Aber die Libraire Ouvrir l’oeil lässt mich auch blinzeln. Was mir nicht aufgefallen ist: Alle
Buchhändler*innen, an die ich mich erinnere, sind weiß. Aber der Inhaber der Augenöffnerin
ist ein Schwarzer Franzose. Das müsste nicht weiter erwähnt werden. Wenn mir nicht so
außergewöhnlich vorkäme, was eigentlich als Normalität gelten könnte. Und doch eine
Normalität verkörpert, die zu selten anzutreffen ist. Plötzlich wundere ich mich über all die
weißen deutschen Antiquar*innen und Buchhändler*innen, über meine hartnäckige
colorblindness, die mich die weiße Norm übersehen lässt und den Schwarzen Buchhändler
nicht. Der Literaturbetrieb ist ein streng sortierter Ort, dessen Qualität unter der weißen
männlichen Ordnung leidet. Will eine Buchhandlung gut sortiert sein, muss sie Fragen
ertragen. Für wen gibt es Platz und welchen: Wem gehört das Schaufenster, wem das Brett
auf Augenhöhe? Für wen muss man sich bücken und wer liegt im Wühlkorb? Wer wird zur
Klassik gestellt und wer zur Frauenliteratur? Wer sitzt am Mikro und wer putzt nach
Veranstaltungsende die Klos, spült die Gläser? Und schließlich, wer auch immer einen
Buchladen führt: Womit bestückt er die Bretter und wie weiß bleiben sie dabei? Was
empfiehlt sie orientierungslosen, gierigen Kund*innen, die noch nicht wissen, was sie
suchen?
Ich reibe mir die Augen und kaufe einen Stapel Bücher. In meinem Regal stehen sie
auf den besten Plätzen und schauen mir über die Schulter.
Schreiben und Lesen sind für Schreibende nicht ganz so verschieden.
Beide Tätigkeiten verlangen, wach und bereit zu sein für unerklärliche
Schönheit (…) schriftstellerischer Vorstellungskraft. (…) Beide erfordern
Aufmerksamkeit für die Stellen, wo die Vorstellungskraft sich selbst
sabotiert, sich selbst die Türen verschließt, die Sicht verdirbt.(Morrison)
Katharina Mevissen