Matthias Nawrat: Der traurige Gast

Sommer

Die Hitze war noch nicht da, aber es war warm geworden. Es war nun zu spüren, wie weit im Norden wir waren. Bis kurz vor Mitternacht war es taghell, und schon ab halb vier Uhr war über den Dächern im Osten wieder ein türkiser Schimmer zu sehen. Ich hatte mein Fahrrad reparieren lassen. Ich fuhr damit am liebsten nachts herum, wenn die Straßen leer waren. Einmal fuhr ich zum Potsdamer Platz. Die Lichter der Wolkenkratzer um das Sony-Center beleuchteten die Stille der nächtlichen Stadt. Ich fuhr zwischen den Wohnblöcken herum, niemand außer mir war auf den Straßen, kein Auto fuhr, es war warm. Ich erreichte den Anhalter Bahnhof und bog nach rechts, Richtung Kanal. Unter der verrosteten Brücke der U1 blieb ich stehen und hörte ein paar Minuten lang dem Flöten einer Nachtigall zu, die irgendwo in einer der letzten Brachen in der Stadt verborgen auf einem Ast saß und in die Stadt, in die Leere und Stille der Nacht hinein sang.

Matthias Nawrat, 1979 im polnischen Opole geboren, siedelte als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Bamberg um. Er studierte in Freiburg und Heidelberg Biologie, danach am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Für seinen Debütroman «Wir zwei allein» (2012) erhielt er u.a. den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis, sein Roman «Unternehmer» (2014),war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Für seinen dritten Roman «Die vielen Tode unseres Opas Jurek» (2015), erhielt er den Förderpreis des Bremer Literaturpreises sowie die Alfred Döblin-Medaille.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast. Rowohlt Verlag. 22€