Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Den ganzen Tag türmten sich im Norden die Gipfel der Alpen wie Ausläufer einer anderen Welt. Er fuhr nicht direkt darauf zu. Er legte sich am Abend unweit des Autos an den Rand von einem flachen, mit Büschen bewachsenen Fels. Die wenigen Orte, die er am Tag gesehen hatte, leuchteten schwach in der Dämmerung, über dem Land hing eine dünne Schicht wie von aufgewölbten Staub. Er nahm die Taube heraus und hielt ihre Flügel zusammen und drückte sie leicht gegen seine Brust. Er ließ sie Körner aus seiner Hand picken und fuhr mit den Fingern hindurch. Die Sonne war bald hinter eine Felswand gesunken. Er hatte kein Licht dabei, nicht einmal ein Feuerzeug. Da war nur das leise Gurren, und er musste fast lächeln, weil ihm der Abend, alles an diesem Abend, so einfach erschien. Seine Kleidung würde klamm werden, und die Plane würde sicherlich zu dünn sein für eine Nacht so weit oben. Als die Wiese feucht wurde, legte er sich auf die Ladefläche des Pick-ups.

Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren. Sie studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte in Zeitschriften, u.a. in Akzente, Neue Rundschau, Wespennest, und im Jahrbuch der Lyrik. 2013 wurde sie mit dem MDR Literaturpreis und 2015 mit dem Wolfgang Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig. Bei Hanser erschienen ihr Gedichtband „Proben von Stein und Licht“ (Lyrik Kabinett, 2016) sowie ihr Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ (2018).

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen. Hanser Verlag. 23€