
Berit Glanz: Unter weitem Himmel
Maris wischte sich, den Kopf tief in den Schrank geschoben, die Tränen ab und versuchte, sich daran zu erinnern, dass ihr einheitlich ausgestattete Geschirrschränke eigentlich immer verdächtig waren. Wenn sie sich an eine Sache ihres Lebens in Reykjavik nicht gewöhnen konnte, war es die hohe Dichte an perfekt kuratierter Geschirrsammlungen in den Haushalten von Freunden und Bekannten. Die Homogenität stilsicher gedeckter Tische voller Designstücke aus Dänemark schien ihr ein Hinweis darauf zu sein, dass in dieser Welt kein Platz für das Nichtperfekte sein würde, für den angestoßenen Becher mit geschmacklosem Werbeaufdruck. Immer wenn Maris solchen Gedanken nachhing, ein plötzliches Heimweh nach Nirgendwo verspürte, bloß weil ein Tisch zu geschmackvoll gedeckt war, schimpfte sie sich selbst und ärgerte sich über ihr zielloses Sehnen nach einem Ort, den es seit Jahren nicht gab, nach einem Familientisch, der in der Vergangenheit verschwunden war.
Berit Glanz, 1982 in der Nähe von Kiel geboren, hat Theaterwissenschaft und Skandinavistik in München, Stockholm und Reykjavík studiert. Ihr Debüt „Pixeltänzer“ (2019) war für den aspekte-Literatur-Preis nominiert und wurde mit dem Hebbel-Preis 2020 ausgezeichnet, 2022 erschien der Roman „Automaton“ sowie 2023 das Sachbuch „Filter – Digitale Bildkulturen“. Sie lebt mit ihrer Familie in Reykjavík.
Berit Glanz: Unter weitem Himmel. Berlin Verlag, München 2025. 24 €