
BRIGITTE REIMANN: DIE GESCHWISTER
Er schwieg. Ich dachte: Manchmal ist eine Reise schon auf dem Bahnhof zu Ende, wegen eines vergessenen Koffers. Manchmal scheitern Unternehmen an einem Wort. Wie oft wird Uli über ein Wort stolpern? Ich sagte: »Willst du das deinem Chef erzählen oder deinem Direktor oder wer immer sonst den Finger auf dem Knöpfchen hat? Volkseigen ist nicht einfach ein Wort, volkseigen – das ist eine Sprengladung.«
»Drüben hält dir keiner den Mund zu.«
»Sie haben die KPD verboten.«
»Vielleicht«, sagte Uli gelassen, »vielleicht werde ich mich gerade deshalb der KPD anschließen.«
»Vielleicht wirst du dafür in den Knast spazieren.«
»Besser, als wenn man von seinen eigenen Leuten in den Knast geschickt wird«, sagte Uli.
Ich sagte höhnisch: »Sicher, der Sozialismus ist eine schöne Sache, solange man ihn nicht im eigenen Land hat.«
»Solange man für ihn kämpfen kann, solange er nicht von Schwachköpfen zerquatscht wird«, schrie Uli.
»Selber Schwachkopf«, schrie ich.
Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg bei Magdeburg, war seit ihrer ersten Buchveröffentlichung, Die Frau am Pranger (1956), freie Autorin. Mit Ankunft im Alltag (1961) gab sie der Ankunftsliteratur ihren Namen. Ihr Roman Die Geschwister (1963) über die gerade vollzogene deutsche Teilung war eines der meistdiskutierten Bücher jener Zeit. Mit nur 39 Jahren starb die Autorin in Berlin-Buch an den Folgen einer Krebserkrankung.
Brigitte Reimann: Die Geschwister. Aufbau Verlag, Berlin 2023. 22€