Harry Martinson: Reisen ohne Ziel

Es geht auf Weihnachten zu, sanfter beseelt wird der argentinische Spätfrühling in den Parks, an Abenden, da wir kein Geld haben, pflege ich manchmal mit einem Kameraden hindurchzupilgern. Auf dem Dach des Kartenhauses ist die Kapuzinerkresse des Kapitäns in ihren Blumenkästen aufgeblüht. Mitunter, wenn der Alte abends an Land ist, steige ich hinauf und schaue sie mir an. Irgendwie habe ich Anteil daran, denn ich war es (wenn auch während der Arbeitszeit), der die Erde in Paranaguá an Bord geholt hat. Fette, schwarze brasilianische Krume, die jetzt gekrönt wird von den empfindlichen Blütenkelchen der Kapuzinerkresse. Die Heimat der Kresse ist gewiss Indien, aber diese Samen hat der Kapitän in einer Papiertüte mitgebracht aus einem Garten in Odense auf dem weizenhellen Fünen, wo die Erde flachsblond und nordisch ist. Sicher war es eine üppige, blumenfrohe Dänin mit gutem Appetit, welche die Samen in die Tüte kullern ließ.

Harry Martinson (1904–1978), Sohn eines ehemaligen Kapitäns und bankrotten Ladeninhabers, wächst in Jämshög in Blekinge auf und verliert seinen Vater im Alter von sechs Jahren. Während die Mutter nach Kalifornien auswandert, werden Martinson und seine Geschwister als »Gemeindekinder« von Jahr zu Jahr reihum auf Bauernhöfen einquartiert. 16-jährig heuert Martinson als Matrose an, 1927 kehrt er lungenkrank nach Schweden zurück. 1949 wird er in die Schwedische Akademie aufgenommen, 1974 erhält er gemeinsam mit Eyvind Johnson den Nobelpreis für Literatur.

Harry Martinson: Reisen ohne Ziel. Aus dem Schwedischen von Verner Arpe und Klaus-Jürgen Liedtke. Guggolz Verlag. 23€