Husch Josten: Eine redliche Lüge

Traumdeutung war ein Boom an der Uni, dem ich aus dem Weg ging. Mir ist klar, dass Träume eine Bedeutung haben. Aber meines Erachtens liegt sie am ehesten darin, das Gehirn von seinem täglichen Ballast zu befreien, denn nach wie vor haben Wissenschaftler keine Antwort darauf, warum Lebewesen träumen. Träume seine bebilderte Gefühle, habe ich mal gelesen, ein anderer Dichter nannte sie Pläne für unsere Wirklichkeit. Aber warum ich wieder und wieder träume, nachts allein in wechselnden fremden Häusern mit offenen Fenstern und im Wind wehenden Vorhängen zu sein, warum ich seit meiner Kindheit träume, dass von irgendeiner Seite des dunklen Gartens, der um das jeweilige Haus liegt, möglicherweise Gefahr droht, die ich nicht fürchte, die ich nur spüren, aber nicht benennen kann, warum ich träume, dass sich die Fenster nicht schließen lassen; all das hat sich mir nie erschlossen und leider hat es mir nie ein Mitstudent so erläutern können, dass ich es verstanden hätte. Nur eines sagten sie alle, wenn ich denn unter ihrem Druck diesen Traum preisgab: dass nicht zu schließende Fenster für Ohnmacht stünden, ich das Gefühl hätte, das Haus, die Wirklichkeit, die Situation (meine Haut?) nicht verlassen zu können oder zu dürfen. Andererseits sei ein offenes Fenster ein positives Symbol. Und Wind, ja, Wind bedeute Veränderung.

Husch Josten, geboren 1969, debütierte 2011 mit dem Roman „In Sachen Joseph“, der für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger „Das Glück von Frau Pfeiffer“ vor und 2013 den Geschichtenband „Fragen Sie nach Fritz“. 2014 erschien „Der tadellose Herr Taft“ sowie zuletzt die Romane „Hier sind Drachen“ (2017) und „Land sehen“ (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.

Husch Josten: Eine redliche Lüge. Berlin Verlag 2021. 20 €