
Kristof Magnusson: Die Reise ans Ende der Geschichte
Ich mache mir nichts aus Gedichten. Dieter Germeshausen hatte das wirklich gesagt. Er ärgerte sich sofort darüber. Warum hatte er nicht einfach etwas Nettes gesagt, etwas Normales? Das konnte doch so schwer nicht sein. So etwas wie tolles Buch, ich sollte mehr lesen oder besonders gut gefallen hat mir Gedicht xy, Germeshausen wusste das, doch er war einfach nicht normal. Und erst recht nicht nett.
Er hatte sich oft genug bemüht, diese Dinge zu lernen, ud doch kamen ihm solche Sätze im Ernstfall nicht über die Lippen. Dabei war für Germeshausen eigentlich jede Form von Begegnung mit anderen Menschen ein Ernstfall. Ihn interessierten die Gedichte einen Scheißdreck, er war an der Person Jakob Dreiser interessiert, auf den er in Rom schon lange ein Auge geworfen hatte, Dieser junge Mann beherrschte das am besten, was Germeshausen am meisten hasste: den Ungang mit anderen Menschen.
Immer wenn Germeshausen auf einer Party etwas Normales, Freundliches sagen sollte, blockierte etwas in seinem Kopf. Dieses oberflächliche Gewäsch verschwendete nur Zeit. Wörter wie super oder toll oder wunderbar kamen ihm einfach nicht über die Lippen. Wenn er sehr gut gelaunt war, sagte er mal wenigstens etwas, aber weitaus häufiger sagte er etwas Kritisches, beklagte sich über Rom: zu wenige U-Bahn-Linien, zu viele streundende Katzen. Und in den allermeisten Fälle sagte er einfach: nichts. Mit ihm stimmte etwas nicht, das wusste er. Er beobachtete ja seit Ewigkeiten, wie andere sich auf Partys verhielten. Er wusste, was man eigentlich zu sagen hatte, und in seinem Kopf waren diese netten Bemerkungen auch noch da: Ich bin kein großer Literaturexperte, aber ich finde ihre Gedichte einfach wunderbar. Diesen Satz hatte er sich zurechtgelegt, doch auf dem Weg zu seinem Mund fielen Hunderte kleine Negativitätsteufel darüber her, metzelten ihn nieder und heraus kam schließlich: Ich mache mir nichts aus Gedichten, und dann hatte er sogar hinzugefügt: Ich schlafe da immer schnell ein.
Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, schreibt Romane, Theaterstücke und übersetzt aus dem Isländischen. 2023 wurde er mit dem Rom-Preis der Villa Massimo ausgezeichnet. Kristof Magnusson ist SPIEGEL-Bestsellerautor, zuletzt erschien sein gefeierter Roman »Ein Mann der Kunst«. Kristof Magnusson lebt in Berlin.
Kristof Magnusson: Die Reise Ende der Geschichte. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 25€