
László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands
Von alledem war im Grunde genommen niemand wirklich überrascht, denn die Wirkung der herrschenden Zustände war naturgemäß im Eisenbahnverkehr ebenso spürbar wie sonst überall: Die Ordnung der Gewohnheiten war in Frage gestellt, die Alltagsreflexe zerrüttete ein unhemmbar wucherndes Chaos, die Zukunft war hinterhältig, die Vergangenheit von der Erinnerung abgeschnitten, das Funktionieren des täglichen Lebens unberechenbar geworden bis hin zur Resignation: es schien nicht mehr undenkbar, dass sich keine Tür mehr öffnet und der Weizen in der Erde nach innen wächst; denn es waren nur die Symptome der zersetzenden Unbilden wahrzunehmen, die Ursache blieb unermeßbar und unfaßbar, so daß einem nichts weiter übrigblieb, als sich zäh auf all das zu werfen, was noch greifbar war, wie es jetzt die Leute auf der Bahnstation hinter dem Dorf taten, als sie, in der berechtigten Hoffnung auf einen der allerdings meistens nicht ausreichenden Sitzplätze, die wegen des Frostes schwer zu öffnenden Türen berannten.
László Krasznahorkai, 1954 in Gyula/Ungarn geboren, gilt er als einer der innovativsten Schriftsteller Europas, dessen Romane Satanstango und Melancholie des Widerstands überall auf der Welt begeistert aufgenommen werden. 2025 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman Herscht 07769 und der Erzählband Im Wahn der Anderen. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest, Italien.
László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands . Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki . Fischer Verlag, Frankfurt 2025. 17 €