Laura Vogt: Das Jahr des Kalks

Die Straße zieht sich schnurgerade durch den Ort, noch immer wenig mehr als ein paar Häuser. Links ein bewaldeter Hügel, rechts ebenfalls, und in der Mitte diese von der Sonne aufgeheizte Fläche. Ein Auto nach dem anderen rauscht an mit vorbei, während ich den Gehsteig entlanggehe. Weit und breit niemand, keine Fußgängerin, kein Mensch mit Hund; auch aus dem Zug vorhin stieg kaum jemand aus.
Ahl ist ein Durchfahrtsort geworden. Es war der Ursprungsort von Pers Vater, meinem Großvater. In Ahl verbrachte er seine ersten neun Lebensjahre, vielleicht waren es auch elf, oder acht.
Ich wische mir über die schweißfeuchte Stirn; gegen dreißig Grad Celsius, schon jetzt. Wo hat die Familie wohl gelebt? In der Spinnerei selbst? Oder in einem der alleinstehenden Gebäude, hier, zwischen Bahnhof und Sauriermuseum? Ob mein Großvater im Wald gespielt hat, auf einem der Hügel? Oder unten am Bach, der parallel zum Gehsteig verläuft? Eine leere Plastiktüte hat sich in einem Ast verheddert; sie treibt im Wasser, ohne von der Stelle zu kommen.

Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, studierte Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Bisher erschienen von ihr die Romane Die liegende Frau (2023), Was uns betrifft (2020) und So einfach war es also zu gehen (2016). Ihre Arbeiten wurden mit diversen Werkbeiträgen und Stipendien ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von St. Gallen.

Laura Vogt: Das Jahr des Kalks. Dörlemann Verlag, Zürich 2026. 22€