
Lew Tolstoi: Die Auferstehung
Es gehört zu den üblichsten und am weitesten verbreiteten Aberglauben, dass jeder Mensch allein seine feststehenden Eigenschaften habe, dass er also gut oder böse, klug oder dumm, energisch oder apathisch usw. sei. Menschen sind aber nicht so. Wir können von einem Menschen sagen, dass er häufiger gut ist als böse, häufiger klug als dumm, häufiger energisch als apathisch, und umgekehrt; doch es stimmt einfach nicht, wenn wir vom einen behaupten, er sei gut oder klug, und von einem anderen, er sei böse oder dumm. Und trotzdem teilen wir die Menschen immer wieder so ein. Das ist falsch. Menschen sind Flüsse: In allen ist das Wasser das gleiche und überall ein und dasselbe, doch jeder Fluss ist bald schmal, bald wild, bald breit, bald ruhig, bald sauber, bald kalt, bald trüb, bald warm. So auch die Menschen. Ein jeder trägt Keime sämtlicher menschlichen Eigenschaften in sich und kehrt mal die einen, mal andere hervor, ja, ist häufig nicht mehr sich selber gleich, bleibt dabei aber doch ein und derselbe.
Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi wurde am 28. August 1828 auf dem Gut Jasnaja Poljana geboren, wo er, mit der Unterbrechung langer Reisen, sein ganzes Leben verbrachte. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Theaterstücke und philosophische Schriften; die beiden großen Romane Krieg und Frieden (1868) und Anna Karenina (1877) brachten ihm Weltruhm. Seitdem zählt Tolstoi zu den bedeutendsten Autoren der Literaturgeschichte. Auferstehung (1899) ist der große Roman des alten Tolstoi
Lew Tolstoi: Die Auferstehung. Aus dem Russischen von Barbara Conrad. Hanser Literaturverlag 42€ und DTV 19€