Lutz Seiler: Stern 111

Seit Tagen schrieb Carl an ein und demselben Gedicht, es trug den Titel »Das friedrizianische Kind«. Im Grunde wusste Carl nicht genau, was das bedeuten sollte (»friedrizianisch«, wahrscheinlich existierte das Wort gar nicht), aber es klang auch in der hundertsten Fassung noch verheißungsvoll und wie etwas, das er unbedingt machen musste. Es war die Sprache, die ihn gefangen hielt (geradezu festsetzte, einsperrte), der Klang bestimmter Wörter und Verbindungen, von denen er, um alles in der Welt, nicht lassen konnte, obwohl sie vollkommen abstrakt und eigentlich sinnlos waren (was er allerdings erst später verstand). Eine nicht näher definierbare Macht hatte ein Kind in die Tiefe des Brunnens gestürzt, aber nun stieg es langsam wieder empor, kam näher, wurde größer, übermächtig, Carl konnte es sehen, sein riesiges mondenes Gesicht… Das war absurd, vollkommener Unsinn, wenn man es genauer bedachte, aber er kam einfach nicht los davon. Er musste in den Brunnen sprechen, als wären die Worte und ihr Klang für immer verloren, wenn er nicht an ihnen festhielt, so lange, bis er es geschafft haben würde: das absolute Gedicht.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2020

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren, heute lebt er in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. 1990 schloß er ein Studium der Germanistik ab, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus.

Lutz Seiler: Stern 111. Suhrkamp Verlag 24€