
Maria Reva: Ein Königreich für eine Schnecke
Die größte Herausforderung für Jewa während der Verabredungen mit den Junggesellen: ihr Handy. Die ständigen Piepgeräusche, die Alarmsignale trieben die Dolmetscherinnen in den Wahnsinn und trugen ihr argwöhnische Seitenblicke ein, aber Jewa sagte sich, dass die Unterbrechungen sie in den Augen der Männer begehrenswert erscheinen ließen. Als hätte sie ein erfülltes Sozialleben, zahllose Freunde, die an ihr zerrten, Verehrer, die ihr ihre Aufwartung machten. Sie wollte selbst daran glauben. Wann immer sie mitten in einem Date hinausrennen musste, um den Feuchtigkeitsgrad im Labor anzupassen oder einen weiteren Lüftungsschlitz zu öffnen, erfand sie einen Vorwand. Einen Anruf im Rahmen irgendeines normalen Berufs, wie ein normaler Mensch ihn hätte. Eine Cousine, die ihren Rat in Beziehungsangelegenheiten benötigte. Ein Baby – ihr eigenes! (Letzteres war die höchste Eskalationsstufe: ein sicherer Weg, nicht nur das jeweilige Date zu beenden, sondern auch jede Aussicht auf ein künftiges zunichtemachen.) Nie hätten sich die Junggesellen träumen lassen, wofür sie wirklich stehen gelassen wurden: die unstillbaren Bedürfnisse von 276 Schnecken.
Maria Reva wurde in der Ukraine geboren und wuchs in Vancouver, British Columbia, auf. Sie hat einen MFA-Abschluss in Belletristik und Dramatik vom Michener Center der University of Texas. Derzeit lebt sie in Vancouver. Ihr Romandebüt Ein Königreich für eine Schnecke stand auf der Longlist des Booker Prize 2025 und wird in 18 Sprachen übersetzt.
Maria Reva: Ein Königreich für eine Schnecke. Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner. dtv, München 2026. 26€