Maurizio Fiorino: K.O.

Mein Vater stand jeden Morgen bei Tagesanbruch auf, um zum Schlachthof zwischen dem alten und neuen Dorf zu fahren, gleich hinter La Scafandra und noch vor dem Friedhof.
Um sechs hörte ich, wie er ins Waschbecken spuckte: Das hieß, dass er sich soeben die Zähne geputzt hatte. Dann trank er einen Kaffee und verließ das Haus.
Keine Ahnung, warum wir allein in Bagnamurata wohnen blieben. Seine Familie stammte ursprünglich aus Sizilien. Er hatte meine Mutter in den Sommerferien kennengelernt, sich in sie verliebt und sich mit ihr verlobt. Alles, was ich über meinen Vater weiß, weiß ich aus seinen Gesprächen mit den Metzgereikunden.
Er war der Sohn eines Maresciallo, ein deutlich schönerer Mann als er, zumindest fotogener. Im Wohnzimmer gab es ein Foto, das ihn strammstehend in einer dunklen Uniform mit kleinen, glänzenden Knöpfen, Fransen an den Schultern und Brustabzeichen zeigte.
Mein Vater hatte nicht viel von ihm. Aber die Augen waren die gleichen, groß und hell. Er war in etwa genauso alt wie mein Opa auf dem Foto und wirkte dennoch wie ein älterer oder missratener Bruder. Ich war stets fest davon überzeugt, dass mein Vater ein Doppelleben führte, denn selbst wenn man der unglücklichste Mensch auf der ganzen Welt ist, muss einen die Vorstellung von Glück, und sei es nur für einen kurzen Moment, doch irgendwie reizen.

Maurizio Fiorino wurde 1984 in Crotone geboren. Er war fast zehn Jahre Teil der New Yorker Kunstszene. 2014 erschien sein Debütroman AmodioK.O. ist bereits sein vierter Roman und der erste, der in deutscher Übersetzung vorliegt.

HÖREN: In der siebten Folge unseres Podcasts Ungebunden mit der Verlegerin Alessandra Ballesi-Hansen wird auch ausführlich über den Roman K.O. von Maurizio Fiorino gesprochen: Kennen Sie Alessandra Ballesi-Hansen?

Maurizio Fiorino: K.O. nonsolo Verlag, Freiburg 2023. 20 €