
Nadine Schneider: Das gute Leben
Wie Auftauchen ist das. Schwimmen kann Anni nicht, sie weiß nicht wie das ist, aber wie man untertaucht, das weiß sie. Sie und ihr Bruder, wie sie sich in der Temesch, nah am Ufer, wo man noch stehen kann, an den Händen fasse, eins, zwei, drei und dann tauchen sie, und Anni gewinnt immer, sie bleibt unter Wasser, bis ihr die Lunge anfängt weh zu tun, bis der Drang einzuatmen, so groß ist, dass er einem den Mund aufreißen will.
Wie hälst du das aus?, der Bruder keucht, wischt sich mit Zeigefinger und Daumen beide Augen vom Wasser frei. Du spinnst doch, er schlägt auf die Wasseroberfläche, so dass ihr die Tropfen ins Gesicht schießen, und sie lacht nur, lacht über ihn.
Und so ist es, wie Auftauchen, das Gefühl das sie hat, wenn sie ihre Habseligkeiten durchgeht, sich überlegt, was sie mitnimmt und was hierbleibt, zu viel darf sie nicht mitnehmen, am Ende sieht es noch verdächtig aus.
Die Mutter weint die ganze Zeit. Das sie schon wisse, dass es das Richtige sei, aber was solle denn aus ihr werden. Und das es hier vielleicht ja auch besser wird, jetzt mit dem neuen, dem Ceauşescu.
Nix wird besser, da ist einer wie der andere, und das weißt du so gut wie ich.
Die Mutter wiegt den Kopf. Erst der Sohn und jetzt auch die Anni, beide Kinder fort, und sie sei doch schon alt.
Du bist überhaupt nicht alt, entgegnet Anni, mach dich nicht immer älter als du bist.
Nadine Schneider stammt aus einer rumäniendeutschen Familie. Sie studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Ihr erster Roman »Drei Kilometer« wurde mehrfach ausgezeichnet. Nadine Schneider lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Nürnberg.