Peter Kurzeck: Der vorige Sommer und der Sommer davor

Das erste Kapitel zuende und dann erst kann ich über das Dorf schreiben. Du fängst abends an (unbedingt muß man abends anfangen!). Gerade an diesem ersten Abend so müde, daß ich nach einer Weile schon nicht mehr wußte, ob es noch der gleiche Abend. Warum stöhnst du, fragt Sybille. Was sind das für große Hefte? Über Staufenberg, sagte ich. Notizen, die vorher auf lauter kleinen alten Zetteln und im März hab ich sie in diese Hefte. Oder schon im Februar angefangen? Immer mittags beim Heimkommen. Als wir gesagt hatten, dass ich nach dem schwarzen Buch eine Weile nicht schreibe. Die Hefte vor zehn oder elf Jahren in Gießen von meinem Freund Wolfram umsonst, als er sein Papiergeschäft zumachen mußte. Nur weil die kleinen Zettel so durcheinander und abgenutzt schon. Bierdeckel, Kassenbons, Zigarettenschachteln und Kneipennotizblöckchen. Asbach Uralt, Ricard, Jägermeister, Cinzano, fernet-Branca und Fürstenberg Pils. Immer blasser die Schrift. meine eigene Handschrift und ich kann sie kaum och lesen! Alt und trocken und immer trockener das Papier. Wird spröde, brüchig. Vergilbt mit der Zeit, genau wie die Zeit. Die Einfälle auch, wenn sie zu lang liegen. Zettel aus vielen Jahren und Kneipen und Ländern. Mit Kaffee- und Weinflecken. Ich wußte nicht, wie ich sie noch aufheben soll. Nur deshalb sie abgeschrieben. Nicht mehr lang und ich hätte sie nicht mehr entziffern können. Wohin nur mit diesen Notizen? Die Hände ringen! Aus Verzweiflung barfuß im Bogen durchs Zimmer. Unglück, das weißt du, hält man am besten im Gehen aus. Als Kind schon gewußt. Noch der gleiche Abend? Wie betrunken vor Müdigkeit und es wird immer später. Wohin nur mit diesen Notizen? Dann imm sie doch einfach nicht, sagt Sybille. Laß sie weg, als ob du sie gar nicht hättest. Das geht nicht, sagte ich. Es wäre veruntreut! Was ich schreibe, gehört doch nicht mir! Nur wenn ich außer dem, was ich schreiben muß, noch etwas schreibe, könnte ich das selbst entscheiden. Also darüber hinaus. Zusätzlich. Aber dürfte das auch erst schreiben, wenn ich alles, was ich schreiben muß, schon geschrieben hätte. Ich dachte, du weißt das längst.

Peter Kurzeck, geboren 1943 in Böhmen, aufgewachsen in Staufenberg bei Gießen. Ab 1992 schrieb er an der autobiographischen Romanfolge Das alte Jahrhundert. Peter Kurzeck starb 2013 in Frankfurt am Main.

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