Sophia Klink: Kurilensee

Ich fasse den Haken, hänge ihn aus und hinter mir wieder zurück in die metallische Schlaufe. Niemand hat mich gesehen, sonst hätte ich sie längst rufen hören: Anna wo gehst Du hin? Wer begleitet dich? Ich folge dem Weg, um schnell außer Sichtweite zu kommen. Schon oft bin ich hierhergegangen, mit Vova zu den Laichplätzen nahe der Severnaya Bay, um Proben zu nehmen, manchmal mit einer größeren Gruppe mit Vogelradar und Sammelgefäßen. Aber noch nie alleine.

Das hier ist meine Expedition.

Ich trage kein Gewehr bei mir. Alle auf der Station sagen, es ist purer Leichtsinn, außerhalb des Zauns ohne Gewehr zu sein. Auf jeder Tafel steht der Verhaltenscodex: stehen bleiben, laut schreien, einen Warnschuss abgeben. Aber Vova sagt Du darfst einen Bären nicht erschrecken, weder die Rolle eines Räubers noch einer Beute einnehmen. Am besten, du redest mit ihm so freundlich wie möglich, dann wird er auch dir freundlich begegnen. Manchmal gibt es ein paar Diskussionen mit ihnen. Aber letztendlich ist deine Stimme eine viel bessere Waffe als jedes Gewehr.

Ich hoffe, er hat recht.

Sophia Klink, geb. 1993 in München, hat Biologie studiert und über die Symbiose zwischen Bakterien und Pflanzen promoviert. Sie war Finalistin beim open mike, Aufenthaltsstipendiatin der Roger Willemsen Stiftung, des Adalbert Stifter Vereins und der Villa Sarkia in Finnland. Im Frühjahr 2025 erschien ihr Lyrikdebüt bei hochroth München. Durch einen Forschungsaufenthalt am Weißen Meer in Russland zu ihrem Roman »Kurilensee« inspiriert, stand sie mit einem Auszug daraus auf der Shortlist des W.-G.-Sebald-Preises. Die Autorin lebt in München.

Sophia Klink: Kurilensee. Frankfurter Verlagsanstalt. 24€