Verena Kessler: Die Gespenster von Demmin

»Was glaubst du, wie sich sterben anfühlt?«, frage ich. Es kommt einfach so aus mir raus. Mein Vater antwortet nicht sofort, hält den Blick starr auf die Straße gerichtet. Auf der Gegenfahrbahn steht alles still.

»Ist bestimmt unterschiedlich«, sagt er schließlich zögerlich. »Kommt sicher drauf an, wie man stirbt. Wenn dich einer erschießt, dann fühlt sich das warscheinlich gar nicht an, denk ich mir, dann bist du mausetot von einer Sekunde auf die nächste.

Ich versuche es mir vorzustellen. Zähle innerlich, 1,2 und wieder 1,2. Lebendig, tot. Es geht nicht.

Mein Vater unterbricht meine Gedanken. »Ich sehe das so, das er ein gutes Leben hatte. Deine Mutter denkt darüber anders, ich weiß, die sieht nur, dass er nicht mehr da ist. Ich will damit auch gar nicht sagen, dass er mir nicht fehlt, das tut er nämlich jeden beschissenen Tag. Immer wenn ich einen kleinen Jungen sehe, denk ich sofort an ihn. Das Gleiche, wenn ein Achtzehnjähriger an mir vorbeiläuft, dann denk ich immer, so alt wäre er jetzt. Wird sich wohl auch nicht ändern, nehm ich mal an. In zehn, fünfzehn Jahren seh ich vielleicht junge Väter und denk mir, das hätte er sein können. Aber trotzdem, ich bleib dabei, er hatte ein gutes Leben. Wir haben ihn unheimlich geliebt, weißt du, und er war immer so gut gelaunt, das fröhlichste Kind … Kann sein, dass ich mir nur was einrede, ich weiß es doch auch nicht. Aber das Leben ist ja nicht nur schön, das weißt du ja auch, und es gibt viel Scheiße, die passieren kann, und vielleicht hat er eben einfach die besten drei Jahre mitgenommen, die man haben kann, und hat sich dann verabschiedet. Hat sich vielleicht den Rest gespart. So denk ich mir das.«

Ich hab meinen Vater, glaub ich, noch nie so viel am Stück reden gehört. Sein Kinn zittert, jetzt wo er aufgehört hat. Ich lege meine Hand auf seinen Unterarm, er lächelt erst, dann lacht er laut.

»Hat das deine Frage beantwortet?«

»Nö«, sage ich. »Aber macht nichts.«

 

Verena Kessler: Die Gespenster von Demmin. Hanser Berlin Verlag. 22€

 

Verena Keßler, geboren 1988 in Hamburg, lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. 2018 nahm sie an der Romanwerkstatt Kölner Schmiede teil, 2019 an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung. Sie war Stipendiatin des 23. Klagenfurter Literaturkurses. Die Gespenster von Demmin ist ihr erster Roman.