
Walle Sayer: Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut
Litanei
Auch die Wurstfinger haben ihre Feinmotorik.
Auch die verrauchte Stammkneipe war Fakultät.
Auch Friedhofsbänkchen oder Mauervorsprung bieten Logenplätze.
Auch der Katzenradius um den heißen Brei zeichnet eine Umlaufbahn.
Auch die Einkaufsliste des Alleinstehenden ließe sich deklamieren.
Auch Geld verschwenden sei mitunter eine Art, es zu verachten.
Auch Schlafsack und Fallschrim sind entfernte Verwandte.
Auch die kahle Lampe an der Zimmerdecke wäre ein Gestirn.
Auch ein herumgereichter Plastikbecher könne als Kelch dienen.
Auch den Sichtschutz aus Klarheit kann es geben.
Das Tagesleck mit einem Satz abdichten: so lautet die Poetik von Walle Sayer. Seit über fünfunddreißig Jahren veröffentlicht der in Horb am Neckar lebende „Schattenkundler und Vergänglichkeitskenner Walle Sayer“ (DIE ZEIT), Gedichte und Kurzprosa. In dieser Zeit ist ein Werk entstanden, das mit zahlreichen Preisen, u.a. mit dem Thaddäus-Troll-Preis und dem Basler Lyrikpreis, ausgezeichnet wurde.
Walle Sayer: Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut. KrönerEdition Klöper, Stuttgart 2026. 22 €