Das haben Sie doch erfunden, oder?

01.10.2019

Selbst nach dem Umzug von der Buchhandlung ins Weingut Andreas Dilger musste Michael Schwarz vor der Lesung von Norbert Scheuer noch einigen Leuten die Tür weisen, leider nicht nach drinnen. Über hundert Menschen wollten dabei sein, für manche bliebs beim Wollen. Die Neugier beflügelt hat sicher die Tatsache, dass Scheuer auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Die Meldung, dass er dazu gerade den Raabe-Preis verliehen bekommen hat, war wohl eher noch zu frisch, um zusätzlich Publikum zu ziehen. Außerdem, so möchten wir nicht missen zu glauben: entscheidend ist zwischen den Buchdeckeln.
Dazwischen befindet sich bei „Winterbienen“ unglaublich viel Anregendes. Und so vieles, das zum Staunen anregt, dass eine Frage zum running gag wurde, die im Zeitalter von Fake News auch der Literatur immer stärker aufgedrängt wird: Das haben Sie doch erfunden, oder? Im launigen Doppel mit dem Autor begannen die Zweifel von Moderatorin Bettina Schulte schon beim Namen des Helden: Egidius Arimond. Wie kommt Norbert Scheuer auf so einen exotischen Namen? Eine Frage, die laut Scheuer jemandem der dort, wo seine Bücher spielen, in der Eifel, gar nicht in den Sinn käme. Dort seien Nach- wie Vorname sehr geläufig, womit der Autor erstmals Gelegenheit hatte, seinen Standardreturn auf Wahrheitszweifel zu servieren: Er erfinde gar nichts.
Nicht mal die Menschenschmuggelidee, Flüchtlinge komplett von Bienen einhüllen zu lassen, indem man ihnen Bienenköniginnen an die Kleidung heftet? Nicht erfunden, denn in der Eifel gab und gibt es viele Imker und wurde vielen Juden zur Flucht über die Grenze nach Belgien verholfen, selbst dann noch, als die Grenze nach dem Einmarsch der Deutschen streng genommen gar nicht mehr existierte. Und das die Lockenwickler, mit denen die Königinnen an der Kleidung befestigt wurden, zuvor den Geliebten entwendet wurden? Lockenwickler sind perfekt für den Königinnentransport, auch Imker lieben, und garantiert hatten einige davon auch passende Obsessionen entwickelt.
Bereitwillig verrät Scheuer sogar über sein Buch hinaus erstaunliche Wahrheiten, die noch nicht mal bezweifelt wurden. So seien in der Eifel bei den Kämpfen im letzten Weltkriegsjahr mehr Amerikaner gestorben als während des gesamten Vietnamkriegs. Aber Literatur lebt nicht nur von Tatsachen und deren Bezweiflung, sondern vom Zauber ihrer Komposition. Anders als die Stimmung bei einer Lesung, lässt sich dieser mit dem Erwerb von „Winterbienen“ jederzeit im häuslichen Sessel aufs Neue erzeugen. Insofern ist nach der Lesung vor dem Buchhandlungsbesuch. Tatsache oder nicht? Ihre Entscheidung.

Von Jürgen Reuß