Kriminelle Energien

von Joachim Schneider

Kriminelle Energien

von Joachim Schneider

Über sich selbst sagt sie nicht soviel Gutes, und doch werden Leser und Leserinnen Blanche de Rigny mögen. Obwohl sich einiges an Dreck am Stecken sammelt, ist die Dame auf Seiten der Gerechtigkeit, wenn auch nicht auf der des Gesetzes. Die Stecken sind wörtlich zu nehmen, denn seit einem Autounfall ist Blanche de Rigny verkrüppelt, „eingerüstete Beine“ sagt sie selber dazu. Zwar promoviert in Literaturwissenschaft, war eine akademische Karriere der alleinerziehenden Mutter nicht vergönnt. Sozusagen behindertengerecht scannt sie zum Lebensunterhalt Prozess- und Ermittlungsakten zur elektronischen Ablage. Freundin Hildegarde, eine großgewachsene Veganerin und Umweltaktivistin in Trainingsanzug, hat den gleichen Job in einer anderen Abteilung. Nun ja, mit solchen Daten bzw. Listen lässt sich zum Beispiel der Drogenbedarf reicher Klientel herausfinden, die dann gewinnbringend an Dealer verkauft werden. Ähnlich funktioniert ja auch das Internet – überall werden Daten verschachert.

Als die Wahl-Pariserin mal wieder in ihrer eher trostlosen Heimat weilt, kommt ihr die Frage in den Sinn, warum sie diesen seltsamen Namen einer kleinen sehr überschaubaren bretonischen Insel trägt. Flugs taucht sie in die Archive und ermittelt um die Zeit des deutsch-französischen Krieges um 1870 und muss dabei feststellen, dass damals ein Menschenleben genauso wenig wert war wie heute, nur dass sich die Grenzen verschoben haben. Das Portrait der damaligen Bourgeoisie trieft nur so von Spott und Zynismus, eine wahre Pracht die Herrschaften. Cayre schafft ein monströses Sittenbild. Oft bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Und die de Rignys scheffelten schon damals mit fragwürdigen Mitteln immensen Reichtum an. Grund genug für Blanche, die Nachforschungen in alle Richtungen auszuweiten und den entfernten Verwandten ins Handwerk zu pfuschen.
Irgendwie amüsant, dass Hannelore Cayre, die vor zwei Jahren für den Roman „Die Alte“ schon den Deutschen Krimipreis erhielt, bei „Reichtum verpflichtet“ den Prix du Roman Noir historique quasi für den historischen Teil bekommen hat, dabei besitzt die nicht minder spannende Gegenwart, die fast die Hälfte dieses perfekt komponierten Buches ausmacht, noch mehr Sprengkraft. Doch die Portion kriminelle Energie, die hier freigelegt wird, kann ja nicht gut geheißen werden. Wobei wir wieder am Anfang wären … Chapeau.

 

Hannelore Craye: Reichtum verpflichtet. Aus dem Französischen von Iris Konopik. Ariadne 20€.