Womöglich…

10.12.2019

… sind Bücher doch für mehr Menschen ein Sehnsuchtsort, als gemeinhin unterstellt. Diesen Schluss legen zumindest neuste Ergebnisse einer sporadisch-empirischen Studie freischwebender Appetenzpotenziale in einer Mini-Shoppingmall nahe. Konkret war der teilnehmende Beobachter im Zentrum Oberwiehre unterwegs, wo umringt von Woolworth, DM, Alnatura, Rewe, Aldi, Deichmann, Nagelstudio, Sparkasse, orthopädischen Schuhen, KiK, MacPaper, Jako-o, Totolotto, Döner und Chop Suey – kurz: mitten im Auge des konsumistischen Orkans – in gewissen Abständen eine Ausstellungsfläche der kontemplativen Kunst des Lesens gewidmet wird.
Zugegeben, es ist weniger eine Oase des gepflegten Bücherwurmens, sondern eher eine Art trojanisches Pferd im Schnäppchenabenteuerland. Die Verkaufsfläche ist so lieblos gestaltet, das eingefleischte Wühlthekenaficionados gar nicht unbedingt mitkriegen müssen, wonach sie da grabbeln. Geschickt haben die listenreichen Odysseuse der Buchvermarktung pure Prozentbeflaggung angeordnet. Die blauen Samtdecken sind erkennbar billig, um schon im Dekor jegliche Angstschwelle vor eventueller Infiltration mit Hochkultur möglichst einzuebnen. Das ist auch wichtig, denn, wer weiß, vielleicht postet der Handyshop vis-à-vis jeden Verstoß gegen die Billigetikette sofort auf Instagram.
Der Erfolg bleibt nicht aus. Schon über den Tschibokaffeebecher linsen die alten Ladys lüstern zu den Bildbänden rüber. Ein paar Mal umrühren und siebzehn Schlückchen später befingern sie verträumt die Schlösser- und Wiesenpracht im Coffeetableformat. Der junge Monteur in Bomberjackengelb beamt sich zwischen den Reisführern aus seiner Tarnidentität als Bohrschrauber ins Superheldendasein als Surflehrer an lusitanischen Gestaden. Und plötzlich fallen alle Hemmungen. Eine Frau im Haltet-mich-nicht-für-was-besseres-als-Plattenbau-Look greift zu echter Taschenbuchliteratur und lässt für einen kurzen unbeobachtet geglaubten Augenblick ihr geheimes intellektuelles Ich aufblitzen. Erwischt! Ok, ist bloß Hellmuth Karasek, aber das ist nicht ohne Witz. Schließlich war der zeitlebens sozusagen das spiegelbildliche Gegenteil dieser Kundin. (Hier bitte selbst mitdenken, man muss ja nicht alles ausbuchstabieren).
Äußerlich desinteressiert und erschöpft aber innerlich triumphierend leuchtend durchstakt die Buchthekenfachverkäuferin herrisch ihre Auslegeware, richtet hier ein Hirngefährdungsgut wieder auf Kante, legt da ein neues Lockmittel nach oben und weiß tief in ihrem Herzen, dass sie es wieder geschafft hat: Das Buch, immer wieder totgesagt, hier lebt es, blüht es auf. Wie könnte die Welt davon nicht ergriffen sein. Und richtig, schon sieht man eine junge Frau und einen älteren Herrn mit einem Fahrradhelm wie das Zweithirngeschwür aus einem Fantasyroman barmherzig einen offenbar draußen vor der Tür zusammengebrochenen Obdachlosen auf die Bank neben der Lektüreinsel geleiten und einen Kaffee spendieren. So ist das: Wenn man Bücher aufschlägt, halten sie auch die anderen Seiten mit ansteckender Liebe hin. Adeste fideles, joyful and triumphant!

Henri Gordon Pym