Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung Schwarz,

zuverlässig wie immer fallen im Oktober die ersten Blätter, und der Deutsche Buchpreis wird zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Auf der Shortlist stehen in diesem Jahr mit ihren aktuellen Romanen folgende Autor:innen: Norbert Gstrein, Monika Helfer, Christian Kracht, Thomas Kunst, Mithu Sanyal und Antje Ravik Strubel. Die Romane von Thomas Kunst, Zandschower Klinken und von Mithu Sanyal, Identitti haben wir Ihnen bereits im Mai in unserem Newsletter vorgestellt. In der aktuellen Ausgabe  hat Annette Hoffmann  sich mit  Antje Ravik Strubels nominierten Roman Blaue Frau auseinandergesetzt. Jens Steiner wiederum hat gleich zwei Romane des Dresdner Autors Jens Wonneberger besprochen. “Ein Autor, der groß zu entdecken wäre!” schrieb die Süddeutsche Zeitung. Vielleicht auch für Sie eine Entdeckung?
Wir wünschen Ihnen anregende Lektüre.
Ihre Buchhandlung Schwarz

 

Grantler und Dampfplaudere

von Jens Steiner

Spätestens seit Thomas Bernhard ist das Grantlertum als hochwirksamer literarischer Brennstoff anerkannt. Auch drei Jahrzehnte nach dem Tod des Österreichers wird die Lochkarte seines Prosastils in immer neuen Variationen durch die Drehorgel des zeitgenössischen Romans gekurbelt, manchmal originell, manchmal – nun ja – nicht so. Auch in Jens Wonnebergers neuem Roman «Flug der Flamingos» sind solche Anklänge zu vernehmen. Was den Dresdner Autor von manch anderem Adepten der Bernhard’schen Suada unterscheidet, ist sein fein austarierter Einsatz derselbigen.

Der Grantler ist in «Flug der Flamingos» ein namenloser Ich-Erzähler, der nach dem unerwarteten Tod seiner Frau Katharina beschlossen hat, dem eigenen Leben nichts Erwähnenswertes mehr hinzuzufügen. Seine Stelle hat er gekündigt, um sich zu Hause ganz der Trauer hingeben zu können. Sozusagen als Kontrastfigur schleicht durch diese Lebensleere Nachbar Rimböck, dessen Spießigkeit den Ich-Erzähler zu Stänkereien reizt: «Schon allein der Name! Wer heißt schon Rimböck? Der Name, dachte ich manchmal, taugt doch eher als Maßeinheit für Ärger und Unannehmlichkeiten aller Art, schlechtes Wetter war mir egal, aber kalter Kaffee – ein Rimböck, die steigenden Zigarettenpreise – zwei Rimböck, mindestens, und dann immer so weiter, ein sorgfältig ausgedachtes Punktesystem der Verdrießlichkeit, eine nach oben offene Unheilskala.» Wonneberger tut gut daran, die Zügel bei diesen Tiraden nicht schießen zu lassen. Denn das Sich-Verbohren des Erzählers in der Trauer um Katharina ist letztlich die Suche nach einem Grund, weiterzumachen im Leben.

Wonneberger gibt dieser zögerlichen Suche viel Raum. Eine Offenheit, die sich als Stärke und zugleich als Schwäche des Romans erweist. Mitunter scheint es, als ob Wonneberger selber auf der Suche sei, als ob er nicht wisse, was mit diesem Text noch anzustellen ist. In die Offenheit tritt Kratzer – ein gemeinsamer Freund des Paars, der den Erzähler auf unfassbar tolpatschige Weise aufzurichten versucht; in die Offenheit hineinskizziert werden auch Erinnerungen an die Jahre mit Katharina. Schließlich beginnt sich der Kern dieser Suchbewegungen abzuzeichnen: das rätselhafte Vorleben der Verstorbenen als Künstlerin, über das Nachbar Rimböck – ironische Pointe des Romans – mehr zu wissen scheint als der Erzähler. In einer abschließenden Vision zu Katharinas Tod beweist Wonneberger seine ganze Meisterschaft: zart und freudlos zugleich ist sie, die Vision, endend im titelgebenden Flug der Flamingos, in dem die bitteren Erinnerungen des Grantlers sich mit so etwas wie Hoffnung verbinden.

Ein nicht unähnlicher Typ Mann hat seinen Auftritt im Vorgängerroman von 2019, «Mission Pflaumenbaum»: der Dampfplauderer. Rottmann heißt er hier, unerschrockener Besserwisser und Lokalchronist eines abgehängten Städtchens irgendwo im Osten der Republik. Wonneberger stellt Rottmann als «Sidekick» dem Helden Kramer bei, einem zu Verzagtheit neigenden Bibliothekar, der in dem Ort seine Tochter besucht. Kramer ist nicht wohl, als er im Städtchen aus dem Bus steigt, die Beziehung zu seiner Tochter ist von Misstrauen geprägt, nie hat sie aufgehört, ihrem Vater die Schuld an der Scheidung von seiner Frau zu geben. Beim Gedanken an ein Wochenende in ihrem Haus wird Kramer mau. Rottmann nimmt ihn vom ersten Moment an in Beschlag, erzählt ihm von früher, vom Krieg und den darauffolgenden Enteignungen, von der Wendezeit, der Rolle der Treuhand und dem Niedergang der örtlichen Industrie, auch jammert er ausgiebig über die neuen Zeiten. Kramer wird Rottmann auf seinen Spaziergängen immer wieder begegnen und durchlebt dabei eine Mischung aus Erleichterung – Rottmann «befreit» ihn von der Gegenwart seiner Tochter – und Angst davor, dass Rottmanns Ergüsse doch noch in die hier und dort angedeutete Fremdenfeindlichkeit kippen. Auch erinnert Rottmann ihn an seine eigene Skepsis, die er damals der deutschen Wiedervereinigung entgegenbrachte.

Nach zwei Tagen reist Kramer ab – nichts hat sich gebessert, weder die knarzige Beziehung zur Tochter noch die Erinnerungen an frühere Jahre. Doch als Leserin, als Leser hat man längst Vertrauen in Wonnebergers Sprache gefasst, die in ihrer unvoreingenommenen Aufmerksamkeit fast schon Gerechtigkeit zwischen den Dingen, Epochen und Menschen schafft. Genauso wie der Nachfolger ist «Mission Pflaumenbaum» ein Buch über einen Zauderer, der sich allzu gerne in seine geistigen Refugien verkriecht, ein Kammerspiel mit reduziertem Personal und knapper Handlung. Es ist das Terrain, in dem Wonneberger seine Stärken am besten ausspielen kann und in kargen Strichen ostdeutsche Wirklichkeiten skizziert. Die Unaufgeregtheit und Genauigkeit, mit der Wonneberger erzählt, wurde 2020 zu Recht mit einer Nomination zum Deutschen Buchpreis belohnt.

Jens Wonneberger: Flug der Flamingos. Müry Salzmann Verlag. 160 Seiten, Salzburg/Wien 2021

Jens Wonneberger: Mission Pflaumenbaum. 192 Seiten, Müry Salzmann Verlag. Salzburg/Wien 2019

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Auch Indianer kennen Schmerz

Antje Rávik Strubel hat mit „Blaue Frau“ einen Roman über Machtmissbrauch und das Erzählen geschrieben

von Annette Hoffmann

Es liegt nicht allein am Pathos der Jugend, dass sich Adina als letzter Mohikaner fühlt. James Fenimore Cooper bietet ihr eine männliche Rolle, eine wehrhafte zumal. Dass Chingachgook auch ein Rächer ist, wird erst später in Antje Rávik Strubels Roman „Blaue Frau“ von Bedeutung sein. Genauer wäre es, zu sagen, sie ist die letzte Jugendliche in ihrem kleinen tschechischen Dorf im Riesengebirge.

Solche wie Adina gibt es viele. Die Osterweiterung der EU hat sie nach Berlin geschwemmt, wo sie studieren will, vorerst jedoch arbeitet sie in der Uckermark an einem Kulturprojekt. Und hier wird sie vergewaltigt. Der Mann hat politischen Einfluss, als die junge Frau in Helsinki lebt und mit einem estnischen Europaabgeordneten zusammen ist, wird sie ihn auf einem Empfang an seinem trockenen Husten erkennen. Die Tat ist grotesk, doch das Groteske passiert ja, laut Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2020 erfährt jede dritte Frau physische oder sexualisierte Gewalt. „Blaue Frau“ ist ein Roman über Macht, obgleich ein sogenanntes Opfer seine Protagonistin ist. Es geht um Macht, weil es einen Mann gibt, der aus der jungen Tschechin erst eine Russin macht und sie dann gefügig. Weil der Mann Einfluss hat und jeder diesen verliert, sobald er sich für eine derart traumatisierte Frau einsetzt und weil fremdes Unrecht in Europa stärker verfolgt wird als die eigene Gewalt gegen Frauen. Adina jedenfalls wird durch die Vergewaltigung erst zur Frau gemacht – spätestens als sie sich im Netz über die Möglichkeiten einer Anklage informiert. „Kein Mensch klickt diese Fahne an, nur Frauen. Die Organisation richtet sich an Frauen in Not. Und wenn sie auf die Fahne klickt und die Seite hinabscrollt und unter Kontakt eine E-Mail verfasst, dann wird sie eine von ihnen. Sie wird eine Frau in Not sein. Dabei ist sie nie in ihrem Leben jemals eine Frau gewesen. Jedenfalls hat sie nie auf diese Weise an sich gedacht, kleiner Mohikaner. Sie ist auch kein Mann.“

So unzweifelhaft das Verbrechen ist, so ambivalent ist alles andere in Rávik Strubels Roman, der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert ist. Während die eigentliche Handlung zwischen den verschiedenen Zeitenebenen raffiniert hin und her springt, wird die Erzählhaltung immer mehrdeutiger und rätselhafter. So meldet sich die Erzählerin selbst zu Wort, die mit Antje Rávik Strubel nicht nur die ostdeutsche Herkunft gemeinsam hat, sondern auch, dass sie einmal einen Roman über die Entführung einer polnischen Tupolev geschrieben hat. Ihre Begegnungen mit der blauen Frau sind sowohl vom Druckbild als auch vom Ton des Romans verschieden. Sie unterbrechen den Fortgang der Geschichte, sind lyrischer, manchmal geradezu naturpoetisch. Die Umgebung, in der sie aufeinandertreffen, sind Übergänge, Bereiche zwischen Land und Wasser, aber auch Unterführungen. Ob es Adina ist, der im Roman viele Namen gegeben werden, bleibt unklar, obgleich sich die Frau überraschend gut in deren Leben auskennt. Die Figur jedenfalls dient der Erzählerin als Reflektor für das Schreiben, das immer nur Mutmaßung ist und nicht mit dem Leben zusammenfällt.

Es steckt viel in diesem Roman: eine Auseinandersetzung über die immer noch geteilte deutsche Kulturszene, fluide Geschlechtergrenzen, Sexismus, Europa und seine Ränder, das Erschaffen einer weiblichen literarischen Tradition. Acht Jahre hat die Autorin an ihm gearbeitet. Antje Rávik Strubel verfolgt in „Blaue Frau“ ihre ganz eigene Romanpoetologie, zugleich hat sie auch ein sehr politisches Buch vorgelegt.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau. Frankfurt 2021, Verlag S. Fischer. 432 Seiten, 24 Euro.