Liebe Lesende,

den ersehnten Regen können wir Ihnen leider auch nicht versprechen. Interessante Bücher schon.
In unserer Sommerausgabe der Lesezeit können Sie im neuen Buch von Marica Bodrožić, die schon zweimal Gast der Buchhandlung war, den Fluchtweg Walter Benjamins über die Pyrenäen nachgehen. Der Roman von Tash Aw, eines in London lebenden, taiwanstämmigen Malaien, ist eine lesenswerte Einladung sich auf Fremdes einzulassen. Willy Vlautin wiederum erzählt in Nacht wird es immer, von Menschen, die trotz ihrer Versehrtheit das Herz am richtigen Flecken haben.

Wir wünschen Ihnen anregende Lektüre und hoffen mit Ihnen auf Regentage!

Ihre Buchhandlung Schwarz

Viele gehen mit

von Bettina Schulte

Marica Bodrožić nähert sich Walter Benjamin. Und das ist wörtlich gemeint. Die seit ihrem zehnten Lebensjahr in Deutschland lebende Schriftstellerin kroatischer Herkunft ist den Fluchtweg des Literaturwissenschaftlers und Philosophen nachgegangen – achtzig Jahre, nachdem Benjamin versucht hatte, von Südfrankreich über die Pyrenäen nach Spanien zu kommen, um von dort in die USA auszureisen. Als er den Grenzort Port Bou erreichte, hatte das Franco-Regime gerade die Ausreisebedingungen geändert. Benjamin saß in der Falle. In der Nacht nach seiner Ankunft am 25. September 1940 nahm er sich in einer Pension das Leben. Bodrožić, die auch in früheren Büchern eher als Essayistin denn als Verfasserin fiktiver Literatur in Erscheinung getreten ist, hat sich fünf Jahre lang mit Benjamins tragischem Ende befasst; sie hat die Nachkommen seiner Begleiterin Lisa Fittko befragt, sich in Benjamins Werk eingelesen, auch wenn sie in „Die Arbeit der Vögel“ nur gelegentlich Bezug darauf nimmt.

Marica Bodrožić treibt anderes um: „Seelenstenogramme“ lautet der Untertitel ihres Buchs. Die Stenografin überträgt und versammelt die Sprachen anderer Seelen in ihrer Schrift. Sie stellt die Existenz und Schicksal Walter Benjamins in einen philosophischen und literarischen Echoraum. Im Zeitrahmen der Wegstrecke über die Pyrenäen, die Bodrožić schwanger im vierten Monat in Begleitung ihres Ehemanns im Februar 2020 zurückgelegt hat, entfaltet der Text ein dichtes Assoziationsgeflecht, in dem Hannah Arendts Philosophie der Natalität eine herausragende Rolle spielt. Dem Ende des Lebens, von dem aus Arendts Lehrer Martin Heidegger seine Abhandlung „Sein und Zeit“ entwickelt hat, dessen Anfang, das immer wieder neu Beginnen entgegenstellen: Dieser Gedanke begleitet Bodrožić auf ihrem Gang nach Port Bou. Es ist auch ein Weg nach innen.

Viele gehen mit – in Gestalt von Sätzen: von Pier Paolo Pasonlini bis zu Swetlana Alexijewitsch, von Ossip Mandelstam bis zu Danilo Kis, von Daniil Charms bis zu Tomas Tranströmer, von Pawel Florenski bis zu Etel Adnan. „Der poetische Chor anderer Stimmen“ gibt der Autorin Anlass, über die „Wärmelinien meines Lebens“ gegen die „eisigdunklen Archive“ der Barbarei setzen: in einer ganz eigenen musikalischen, manchmal fast altmodisch anmutenden leuchtenden Sprache, die gern mäandert und vor Pathos („Die Würde eines Atmenden ist eine lebendige Stunde“) nicht zurückschreckt. Passagenweise scheint der Text über den Dingen zu schweben – wie die Vögel, die ihm sein Leitmotiv geben. „Die Arbeit der Vögel ist leise, so leise, wie das Leben der Menschen kurz ist.“ Marica Bodrožić weiß sich verbunden mit allen, die in ihrem Text Gestalt annehmen: „Meine wahren Verwandten sind Sänger der Schwelle, Menschen mit transzendenzbereiten Füßen.“

Solche Sätze in der heutigen Zeit zu schreiben, ist riskant. Sie können als Kitsch missveranstanden werden, als hohle Phrase. Für Marica Bodrožić, die mit großem Ernst dem Beruf des Schreibens nachgeht, sind sie tief empfunden. Und doch freut man sich über jede konkrete Geschichte: Bodrožić streut Erinnerungen an ihre kroatische Kindheit ein, schildert den Aufbruch ihrer Eltern in den Westen, ihre aus Ohnmacht und Enttäuschung entstandene Verhärtung, wenn sie ihre Kinder mit dem „Reisspiel“ disziplinieren wollen; schildert den bis heute schmerzenden Eintritt der Lüge in ihr Leben, um dem geliebten Großvater die Umsiedlung der Familie nach Deutschland zu verschleiern. Vieles wird nur angerissen, die Sätze springen von einem zum nächsten: Und so kommt auch die grausame Geschichte der jüdisch-französischen Philosophin Sarah Kofmann hinein ins Buch. Nach der Deportation ihres Mannes überließ die verzweifelte Mutter das Kind einer betuchten christlichen „Omi“, die ihm den jüdischen Glauben und dessen Praxis so gründlich austrieb, dass sie sich für immer von ihrem Herkommen entfernte. Nach der Niederschrift ihrer Autobiographie nahm sich Kofmann das Leben.

„Die Arbeit der Vögel“ ist geboren aus den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Der Todesmaschinerie der Diktaturen, die viele Millionen Menschen umbrachte. Getragen wird das Buch von der Liebe zum Leben und zu jenen Einzelnen, die nicht von der Angst und dem Anpassungsdruck getrieben sind, die kein „Wir“ kennen, keine Zugehörigkeit zu einer Nation, Volksgemeinschaft, Religion, Weltanschauung. Es ist ein sehr aktuelles Buch.

Marica Bodrožić: Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme. Luchterhand, München 2022. 22 €

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Nachtmahre des Wohlstands

von Jürgen Reuß

Lesen ist in gewisser Weise die Kunst, sich intensiv auf etwas Fremdes einzulassen und in einem fast unmerklichen Prozess die Fäden zu spüren, mit denen wir in es verstrickt sind. Was könnte fremder sein als der Roman eines taiwanstämmigen Malaien aus der Arbeitswelt eines chinesischstämmigen malaysischen Fischers, der einen bangladeschischen Menschenhändler totschlägt? Kein prachtvolles Kuala Lumpur, kein glitzerndes Meer oder verführerischer Dschungel, nur sumpfiges Ausgeliefertsein an nie endende schwere, stumpfe, fruchtlose Schufterei. Kein Sehnsuchtsort für westliche Finanzhaie oder Exotik suchende Touris. Was Tash Aw in seinem Roman „Wir, die Überlebenden“ vor uns ausbreitet, ist ein Gastarbeiterleben der zweiten Generation. Der Erzähler, Ah Hock, berichtet in immer ähnlich endenden Schleifen von der Mühsal, eine Existenz aufzubauen, die dann eine Flut, die Willkür der Arbeitgeberin oder der Ausbruch einer Seuche wieder komplett zunichtemacht. Eigentlich ist Ah Hock eine Art moderner Hiob der Arbeit, aber die Duldsamkeit hat ihren Preis: jahrzehntelang unterdrückte, aufgestaute Wut, die sich dann an einem eher ungeeigneten Opfer entlädt und die Existenz auch so wieder auf Null stellt.

Tash Aws Erzähltalent saugt uns in seinen Text hinein und fügt mit der Figur einer aufgeklärten, urbanen Soziologiestudentin, die Ah Hocks Geschichte aufzeichnet, eine kluge Reflexionsebene der eigenen Schreibposition hinzu. Aber das, was bei der Lektüre irgendwann irgendwann in den eigenen Eingeweiden zu wuchern beginnt, hat Aw in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk treffend so formuliert: „In vielen Fällen hat das auch funktioniert. Jetzt aber sind wir an einem Punkt, an dem die Menschen begreifen: Egal, wie hart sie auch arbeiten, es wird sich nichts mehr ändern. Sie bleiben Fischer, Fabrikarbeiter oder Reinigungskräfte. Und auch ihren Kindern wird es nicht anders ergehen. Die Vorstellung sozialer Mobilität, mit der ich aufgewachsen bin, existiert nicht mehr. Nur die Reichen haben Einfluss. Und ihr Reichtum vermehrt sich immer mehr. Es ist der gleiche Prozess wie in Europa.“

Genau das ist es. Es ist der gleiche Prozess wie hier bei uns in Europa. Nicht nur in dem Sinne, dass wir diejenigen sind, die die gruseligen Arbeitsprozesse in Südostasien befeuern und von ihnen profitieren. Es ist ein viel direkteres Unbehagen, ein Vorgeschmack auf das, was das viel beschworene, aber nie angegangene Aufgehen der sozialen Schere auch für mindestens zwei Drittel der Menschen in Europa bedeuten wird. Von Ah Hock trennt uns nur noch die Hoffnung, die er aus den noch unter ihm stehenden Bevölkerungsteilen zieht: „Eine Schicht bildet sich unter dir und drückt dich an die Oberfläche hoch.“ Nur: die Schichten unter uns werden dünner, und die Schere drückt von oben unter die Oberfläche. Tash Aws Roman ist eine lesenswerte Einladung, sich mit den Nachtmahren des Wohlstands einzulassen, denn vielleicht werden sie uns bald nicht nur in unseren Angsträumen heimsuchen, sondern so real wie jetzt schon nicht nur in Malaysia. Und außerdem fragt Aw zurecht: „Wie sollen wir in dieser Welt leben, wenn wir ignorieren, wie wir miteinander verbunden sind?“

Tash Aw: Wir, die Überlebenden. Roman. Aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda. Luchterhand, München 2022. 19,99 €

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Das Herz am richtigen Fleck

von Patrick Findeis

Lynette – die Protagonistin aus Willy Vlautins sechstem Roman „Nacht wird es immer“ –, malocht in zwei mies bezahlten Jobs; sie hat einen behinderten Bruder, um den sie sich kümmern muss und eine Mutter, die, wenn sie nicht auf der Arbeit ist, rauchend und trinkend vor dem Fernseher sitzt. Lynette kämpft um jede Sekunde Schlaf, die sie bekommen kann, und sie spart jeden Cent, den sie verdient. Denn sie hat ein Ziel, einen Traum. Das Haus kaufen zu können, in dem sie mit Mutter und Bruder zur Miete wohnt, welches in einer sich rasend schnell gentrifizierenden Gegend Portlands liegt. Ihr Erspartes reicht dafür bei weitem nicht aus, und deswegen hängt dieser Traum auch an der Bereitschaft ihrer Mutter, einen Kredit aufzunehmen. Als diese sich plötzlich weigert, beginnt für Lynette eine verzweifelte Odyssee durch die Nacht, die sie an die dunkelsten Orte ihrer Vergangenheit führt. Seite um Seite entblättert sich ein Leben, das geprägt ist von psychischer Krankheit, Missbrauch und Armut, und gleichzeitig entsteht das Bild einer unheimlich starken jungen Frau, die jeden noch so harten Ball, den ihr das Leben zuspielt, retourniert. Jetzt denkt Leser:in vielleicht, Jesses, ist das düster, ist das eine finstere Geschichte! Doch dann kennt Leser:in Willy Vlautin schlecht und seine Kunst, so herzerwärmend menschlich von den sogenannten kleinen Leuten zu erzählen, so tief in die Seelen seiner Protagonist:innen zu blicken; und von der Solidarität, den kleinen, großen Gesten, aber auch von den tiefen Abgründen zu berichten, so dass sich Leben auftun, die vielleicht nicht vom Glück gesegnet sind, aber vom unbedingten Streben nach Glück getrieben sind.

Willy Vlautin ist 1967 in Reno, Nevada geboren, lebt heute aber in Portland. Er ist Autor und Musiker, hat sich lange als Maler und Anstreicher durchgeschlagen, bevor er mit seiner Band Richmond Fontaine und seiner Literatur erfolgreich wurde. Er weiß, wovon er spricht, wenn er in seinen Büchern von Arbeitern, Niedrig-Löhnern, Waisen und Versehrten erzählt. „Nacht wird es immer“ ist sein bisher düsterstes Buch, aber es spielt auch in einem Trump-Amerika des enthemmten Kapitalismus, der Spaltung und des Misstrauens; ein Amerika, in dem die Solidarität bröckelt, in dem sich die Armen um die paar Brotkrumen schlagen, die die Reichen von ihren festlich gedeckten Tischen wischen. Gegen Ende des Buches sagt Lynettes Mutter zu ihr, dass sie nicht viel von Geschichte wisse, nicht genug aufgepasst habe in der Schule, aber sie wisse, dass in den Geschichtsbüchern nur von denen die Rede ist, die sich nehmen, was sie wollen, und zwar möglichst viel davon, möglichst alles, ob sie es bräuchten oder nicht.

„Nacht wird es immer“ ist ein pessimistisches, ein dunkles Buch. Aber auch ein Buch, das Hoffnung macht, dass die amerikanische Gesellschaft noch nicht gänzlich der Ausbeutung und dem gnadenlosen Wettbewerb zum Opfer gefallen ist. Und, dass es Menschen gibt wie Lynette, die zwar gezwungen sind, zu kämpfen, aber nur soviel nehmen, wie sie wirklich brauchen. Menschen, die trotz ihrer Versehrtheit das Herz am richtigen Flecken haben.

Willy Vlautin: Nacht wird es immer. Roman. Aus dem Amerikanischen Englisch von Nikolaus Hansen. Berlin  Verlag, Berlin/München 2021. 25 €

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