Auslese

Häufig endet das Sprechen und Schreiben über Bücher in Allgemeinplätzen. Das Besondere des Textes – seine Sprache – tritt dabei allzu oft in den Hintergrund. Mit den hier vorgestellten Passagen möchten wir die Texte selbst sprechen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, den ausgewählten Büchern so ganz unmittelbar ein erstes Mal zu begegnen.

William Saroyan: Tja, Papa

Ich wusch mich und setzte mich an den Tisch, und kurz darauf stellte mein Vater eine Pfanne auf den Tisch und teilte das Essen darin zwischen uns auf.
[…]
»Schreibst du auch wirklich ein Kochbuch, Papa?«
»Na sicher. Schreibst du auch wirklich einen Roman?«
»Also, ich würde schon gern.«
»Aber wirst du es auch tun?«
»Ich weiß nicht, wie man Tomate richtig schreibt.«
»Wie steht´s mit Kartoffel?«
»Wie man das richtig schreibt, weiß ich auch nicht.«
»Was kannst du denn richtig schreiben?«
»Meinen Namen.«
»Dann bist du auch im Stande, einen Roman zu schreiben.«
»Kannst du denn richtig schreiben, Papa?«
»Ich kann die Wörter richtig schreiben, von denen ich weiß, wie man sie schreibt, aber manchmal vergesse ich sogar von denen, wie man sie schreibt.«
»Was machst du dann?«
»Ich benutze ein anderes Wort.«
»Benutzt du nicht das Wörterbuch?«
»Nicht, um herauszufinden, wie man Wörter richtig schreibt.«
»Wozu dann?«
»Um zum Vergnügen darin zu lesen. Das Wörterbuch ist ein wunderbarer Roman, ein gewaltiger Gedichtband, ein Essay über Leben und Kunst.«

William Saroyan: 1908 als Sohn armenischer Einwanderer in Fresno, Kalifornien geboren, begann seine Karriere mit Storys, aufgrund derer Columbia Pictures ihn als Drehbuchautor anheuerte. Für das Theaterstück ›The Time of Your Life‹ erhielt er den Pulitzer Preis, den er jedoch ablehnte. Für das Drehbuch zu seinem Roman ›The Human Comedy‹ wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet. Er starb 1981 in seinem Geburtsort.

William Saroyan: Tja, Papa. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. DTV Verlag. 18€.