Auslese

Häufig endet das Sprechen und Schreiben über Bücher in Allgemeinplätzen. Das Besondere des Textes – seine Sprache – tritt dabei allzu oft in den Hintergrund. Mit den hier vorgestellten Passagen möchten wir die Texte selbst sprechen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, den ausgewählten Büchern so ganz unmittelbar ein erstes Mal zu begegnen.

LYDIA TSCHUKOWSKAJA: UNTERTAUCHEN

Den ganzen Morgen haben wir heute im Birkenwald verbracht. Hoch oben baden die Wipfel der Birken im Blau. Im Wald ist es so luftig und hell wie in dem Haus, in dem wir zusammen wohnen. Ich glaube, es war heute unser längster Spaziergang. Wir haben schon gelernt, zusammen zu schweigen. Wir schweigen über die Nacht, über Weksler, über die ›Powtorniki‹ und auch darüber, dass man das Jahr siebenunddreißig zum zweiten Mal nicht überleben kann.
Wir saßen eine Weile auf der Bank, schauten in die verschneiten Felder, auf die Dächer der Häuser von Bykowo. Und kehrten dann langsam zurück. Die ganze Zeit beschäftigt mich der Gedanke: Soll ich ihm die ›Laternen‹ zeigen? Aus dem Tagebuch herausreißen und ihm zeigen?

Lydia Tschukowskaja, geboren 1907 in St. Petersburg, musste mitansehen, wie ihr Mann und viele ihrer Kollegen während des Stalin-Terrors verhaftet und umgebracht wurden. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie literarisch unter anderem in Untertauchen (1947). 1974 wurde sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Erst 1988 konnten in Moskau Untertauchen und in Leningrad Sofia Petrowna erscheinen. Lydia Tschukowskaja starb 1996 in Peredelkino.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen. Aus dem Russischen übersetzt von Swetlana Geier. Dörlemann Verlag, Zürich 2023. 22€