Auslese

Häufig endet das Sprechen und Schreiben über Bücher in Allgemeinplätzen. Das Besondere des Textes – seine Sprache – tritt dabei allzu oft in den Hintergrund. Mit den hier vorgestellten Passagen möchten wir die Texte selbst sprechen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, den ausgewählten Büchern so ganz unmittelbar ein erstes Mal zu begegnen.

Lena Gorelik: Wer wir sind

Die deutsche Sprache habe ich mit den Ohren aufgesaugt, ein Wort nach dem anderen, auf der Zunge gekostet, geschmeckt, gefaltet, abgelegt, zum sorgfältig ausgesuchten Zeitpunkt hervorgeholt wie ein schönes Kleidungsstück zu Feiertagen. Nun, da die Sache mit der Sprache erledigt ist, sauge ich mit den Augen auf, lerne, schön von nicht schön zu unterscheiden, lerne, mich schwarz und dunkelblau zu kleiden, bis meine Mutter sich beschwert, wenn sie meine Sachen bügelt:

„Da ist überhaupt keine Farbe in deinem Schrank. Als wärest du traurig, irgendwie.“

Ich weiß nicht, ob ich traurig bin; ich bin jetzt elegant, sagte man mir. Ich sage meiner Mutter, dass mir das so gefällt, sage nicht, dass ich versuche zu gefallen. Weiß nicht mehr, wem ich gefallen wollte, schaue mich in meiner Wohnung um. Kaufe einen antiken Hängeschrank aus der Kolonialzeit.

Was ich mir nicht selbst beibringen muss, was sie mir gezeigt haben: Die Liebe zu lieben.

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, der viel­gelobte Roman «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den Deutschen Jugendbuchpreis.  Sie lebt in München.

Lena Gorelik: Wer wir sind. Verlag Rowohlt Berlin. 22€