Auslese

Häufig endet das Sprechen und Schreiben über Bücher in Allgemeinplätzen. Das Besondere des Textes – seine Sprache – tritt dabei allzu oft in den Hintergrund. Mit den hier vorgestellten Passagen möchten wir die Texte selbst sprechen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, den ausgewählten Büchern so ganz unmittelbar ein erstes Mal zu begegnen.

Walerjan Pidmohylnyj: Die Stadt

Wundersam war die Stadt. Äußerlich bewegte sie sich unentwegt, das Leben sprudelte wie eine muntere Quelle, doch tief drin wurde es in den tristen Amtsstuben von Tausenden Regeln und Verordnungen gebremst und schleppte sich wie ein quietschender Karren dahin. Die Schläge dieses städtischen Formalismus bekam Stepan auf Schritt und Tritt zu spüren, und wenn er sie sich auch objektiv erklären konnte, so waren sie doch nicht minder schmerzhaft. Aus bitterer Erfahrung klug geworden, erschien er am angegebenen Tag zwei Stunden früher zur Prüfung und reihte sich mit der festen Überzeugung in die Schlange ein, dass sich die Sache mit der Aufnahmeprüfung heute endgültig klären würde und er dann das volle Recht hätte, Nadijka mit dem wichtigen, wenn auch unsichtbaren Abzeichen eines Studenten auf dem Revers zu besuchen. Zugegeben, die gestrigen Erlebnisse hatten den Blick auf sein geliebtes Geschöpf zeitweise getrübt. Abends war er zu Hause noch lange herumgesessen, hatte geraucht und über die Stadt nachgedacht, ihr Schicksal und ihre wahre Rolle. Am Morgen jedoch erwachte er munter und erfüllt von jugendlichem Tatendrang, der ihn in all der Unsicherheit, die ihn hier überraschend umflutet hatte, wie eine Schwimmweste vor dem Untergang rettete. Da er sich schon etwas in seinem neuen Zuhause eingelebt hatte, bat er die Hausherrin ohne Zögern um einen Eimer Wasser und wusch sich gründlich. Und wieder erfüllte der Gedanke an Nadijka sein Herz mit knisternder Wärme.

»Das Examen, darum muss es jetzt gehen!«, dachte er amüsiert.

Er hatte den unvermeidlichen Drang, sein Tun und Denken zu analysieren, und so tadelte er sich nun gutmütig für den gestrigen Zorn und seine verworrenen Trugbilder. Träumereien waren Dummheiten, instruierte er sich, handeln musste man, unermüdlich alle Hindernisse aus dem Weg räumen, alle Kräfte auf die nächste Hürde lenken. Das erste war die Hochschule. Er musste an der Hochschule eingeschrieben werden und nicht irgendwelche Luftschlösser bauen, seien sie noch so großartig. Die Aufnahmeprüfung schien ihm tatsächlich wie eine riesige Hürde, und wenn er sie nahm, würde er die Königin mitsamt dem Königreich gewinnen. Wie ein ruhmreicher Krieger zog er in den Kampf, dessen Sieger den Schlüssel zu einer sagenhaften Schatzhöhle erhalten sollte. Und weil er eben in der Stimmung war, im Handstreich zu siegen, kam ihm die Ankündigung, dass die Aufnahmeprüfung zwei Tage dauern sollte, ganz ungelegen. Heute war der schriftliche, morgen der mündliche Teil. Die Bekanntmachung, auf der all das in kurzen Sätzen geschrieben stand, nahm überhaupt keine Rücksicht auf seinen jugendlichen Enthusiasmus und sein leidenschaftliches Verlangen, alle Angelegenheiten sofort zu klären. Doch er musste sich diesen Zeilen fügen.

Walerjan Pidmohylnyj (1901–1937) wurde als Sohn eines Gutsverwalters im Donbas, in einem Dorf nahe der heutigen Stadt Dnipro geboren. Mit den Kindern des wohlhabenden Grundbesitzers konnte er Französisch lernen. Ob Pidmohylnyj nach seinem Schulabschluss ab 1918 am Bürgerkrieg teilnahm, wie es eine Quelle besagt, ein Hochschulstudium in Kyjiw absolvierte oder als Lehrer in seiner Heimatregion arbeitete, ist ungewiss. 1920 wurde eine erste Erzählsammlung gedruckt, daneben übersetzte er französische Autoren wie Anatole France und Guy de Maupassant ins Ukrainische. 1922 nahm Pidmohylnyj eine Lehrerstelle in Kyjiw an und arbeitete als Redakteur bei einer ukrainischen Kulturzeitschrift. In den 1930er-Jahren konnte er nicht publizieren, er verlor seinen Redakteursposten, siedelte in die damalige Hauptstadt Charkiw um und wurde mehrfach inhaftiert und gefoltert. 1935 wurde er wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu Lagerhaft auf den Solowezki-Inseln verurteilt, wo er 1937 durch Erschießung hingerichtet wurde. Erst ab 1991 konnten seine Werke wieder gedruckt werden.

Walerjan Pidmohylnyj: Die Stadt. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil, Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok Nachwort von Alexander Kratochvil, Lina Zalitok und Susanne Frank. Guggolz 2022. 26€