Auslese

Häufig endet das Sprechen und Schreiben über Bücher in Allgemeinplätzen. Das Besondere des Textes – seine Sprache – tritt dabei allzu oft in den Hintergrund. Mit den hier vorgestellten Passagen möchten wir die Texte selbst sprechen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, den ausgewählten Büchern so ganz unmittelbar ein erstes Mal zu begegnen.

Mithu M. Sanyal: Idenditti

Das letzte Mal, dass ich mit dem Teufel sprach, war er nackt, sichtlich sexuell erregt und eine Frau. So viel zu sozialen Gewissheiten. Wenn man sich nicht einmal darauf verlassen kann, dass der Teufel ein Mann ist, kann man direkt jede Form von Identität ablegen wie ein altes T-Shirt! Was ich ja gerne tun würde, wenn ich denn eine hätte, die ich an- geschweige denn ablegen könnte. Genau darum ging es bei diesem wie jedem weiteren Treffen mit meinem Devil, der eine Devi ist: Eine indische Göttin mit zu vielen Armen und einer Kette aus den abgerissenen Köpfen ihrer Feinde. Ja, ich spreche von Kali.

Mithu Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf geboren und ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch „Vulva. Das unsichtbare Geschlecht“, 2016 „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“. 2021 erschien bei Hanser ihr erster Roman Identitti.

Mithu M. Sanyal: Idenditti. Hanser Verlag. 22€