Auslese

Häufig endet das Sprechen und Schreiben über Bücher in Allgemeinplätzen. Das Besondere des Textes – seine Sprache – tritt dabei allzu oft in den Hintergrund. Mit den hier vorgestellten Passagen möchten wir die Texte selbst sprechen lassen und Ihnen die Gelegenheit geben, den ausgewählten Büchern so ganz unmittelbar ein erstes Mal zu begegnen.

Jörg Steiner: Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch

Alles, was er erzählt, erzählt er allen, und wenn er einem etwas anderes erzählt, erzählt er nachher allen, er habe einem etwas anderes erzählt, das sei aber auch wahr.

Er bleibt bei der Wahrheit.

Daß die Wahrheit eine Geschichte ist, heute eine andere als morgen, ist nur natürlich.

Das kann man nachprüfen, am Most zum Beispiel. Im Frühling blüht der Apfelbaum nach dem Kirschbaum, die Apfelblüten sind nicht weiß, sondern rosa, dann wachsen die Früchte heran, Goldparmäne oder Sauergrauech oder Bernerrose, und die Früchte werden, wenn sie reif sind, zur Presse gebracht und zu Apfelsaft gepreßt, das ist dann Süßmost, den kann man trinken oder gären lassen, bis er sich zu saurem Most verwandelt, der viel gesünder ist als Süßmost, und so ist es eben mit der Wahrheit auch. Würde sie sich nicht verwandeln, wie alles, was lebt, müßte man sagen, die Wahrheit sei tot.

Da ist nichts zu machen: Eichinger spricht alles aus, was ihm durch den Kopf geht.

 

Jörg Steiner, geboren 1930, lebte in Biel. Er veröffentlichte Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und, gemeinsam mit Jörg Müller, auch Kinderbücher. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich 2002. Er verstarb am 20. Januar 2013 in Biel.

Jörg Steiner: Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch. Suhrkamp 2010. 6,95€