Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson

Sie war eigenartig fröhlich. Tag für Tag saß sie mit einem Notizbuch schwer wie die Bibel und einem Bleistift auf dem Beifahrersitz des Wagens und sah hinaus. Die Welt wurde weit und das Fremde konkret. Die Ferne wirkte auf das Denken, alles Große zerbrach ins Kleine, vermeintlich fest aneinandergefügte Einzelheiten splitterten auseinander, Erinnerungen und Sehnsüchte, Ideen und Menschen zerfielen in Details und ließen sich wie Mosaike neu zusammensetzen. Sie wühlte in den Bruchstücken wie in einem Kleiderhaufen, zog mal ein Gefühl, mal ein Hemd, mal einen Blick hervor, suchte den letzten Atemzug des Großvaters und das Kissengesicht der Großmutter darin. Was sie fand, sortierte sie neu. Die alten Gewohnheiten blieben aus, und der Reiz, Neues zu sehen, setzte ein. Die Augen wuchsen mit den Bildern. Sie fand Schönheit in den strengen Formen oder in ihren Fehlern und eine Hässlichkeit, die nie weit davon entfernt lag. Das Schauen wirkte im Kopf, so schien es Alma, die Gedanken klarten auf, wurden präzise und fielen in die ihnen angemessenen Wörter hinein wie in Schalen. In ihren besten Augenblicken machte die Fremde, in der man nur sich selbst verstand, die eigene Sprache genau und wesentlich, damit man später, wenn man heimkehrte, von dem Neuen, das man gesehen hatte, auch erzählen konnte.

Valerie Fritsch, geboren 1989, arbeitet als Photographin und bereist die Welt. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2015 wurde sie mit dem Kelag-Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet. Ihr Debütroman »Winters Garten« war für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert. Valerie Fritsch lebt in Graz.

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson. Suhrkamp Verlag 22€